Christoph Matschie hat es schon getan. Er hat die Basis gefragt. "Was ratet ihr uns? Wie soll die SPD mit dem Wahlergebnis umgehen?", fragte der thüringische Landeschef am Dienstagnachmittag von seinem Handy aus bei Facebook. Was folgte, war eine Lawine. "So ein gewaltiges Feedback habe ich noch nicht erlebt", sagt Matschie. Über 400 Kommentare in zwei Tagen, die fast alle und überdeutlich das Gleiche sagten: Bloß keine Große Koalition!

Würde die SPD jetzt nicht nur bei Facebook, sondern offiziell ihre Basis fragen, das "Nein" wäre so eindeutig und heftig, dass es alle Träume von Macht und Ministerposten an der Parteispitze sofort hinwegfegen würde. Deshalb wird der SPD-Konvent am heutigen Freitag vor allem darüber streiten, ob und wie die kritische Basis mitentscheiden darf.

Dabei ziehen sich die Fronten auch durch den Parteivorstand, der schon am Nachmittag tagen wird, um den Konvent vorzubereiten. Die SPD-Linke Hilde Mattheis setzt sich seit Langem für einen Mitgliederentscheid ein und sagt: "Ich bin für die größtmögliche echte Beteiligung der Partei. Das darf nicht nur ein Abnicken eines Endergebnisses sein, das die Führung verhandelt hat."

Auf der anderen Seite steht unter anderem der Thüringer Matschie, trotz seiner Facebook-Umfrage. "Wir brauchen keinen Mitglieder-Entscheid über eine mögliche Große Koalition", sagte er ZEIT ONLINE. "Unsere Gremien und der Parteitag sind demokratisch gewählt und die Richtigen, um das zu entscheiden." Jetzt wegen der Koalitionsfrage die Mitglieder zu befragen, "wäre nicht besonders selbstbewusst".

Einerseits hat Matschie damit recht. Wer eine Mitglieder-Befragung will, sagt damit auch: Die Parteiführung entscheidet nicht so, wie die Basis das will. Es ist eigentlich ein Ausdruck des Misstrauens. Schließlich sollen die Gremien die Partei repräsentieren. Auf einem Parteitag im November werden ohnehin Hunderte Delegierte zusammenkommen und über einen möglichen Koalitionsvertrag abstimmen. Das ist schon jetzt klar. Matschie sagt: "Wenn die Parteibasis etwas wirklich nicht will, dann wird sich das auch auf einem Bundesparteitag widerspiegeln." Schließlich säßen dort ja Repräsentanten der Basis.

Wut auf die Spitze

Die andere Seite bezweifelt das. Sie schimpft besonders auf die Männer ganz oben. Trotz des tristen Wahlergebnisses hat sich Frank-Walter Steinmeier schon zum Fraktionsvorsitzenden wiederwählen lassen. Peer Steinbrück bleibt auch "an Bord", und Sigmar Gabriel will Parteichef bleiben. Alles beim Alten also. Es sind ausgerechnet die jetzt schon Mächtigen, die von einer Großen Koalition auch persönlich profitieren würden. Ministerämter locken.

Ein paar junge Sozialdemokraten haben deshalb einen offenen Brief an die Spitze geschrieben, in dem sie einen echten Neuanfang fordern. Sie kritisieren, dass Steinmeier schon wieder Fraktionschef ist und fordern eine Neuwahl des wichtigen Postens nach dem Ende möglicher Koalitionsverhandlungen. Über diese Koalition wollen sie die Mitglieder direkt entscheiden lassen, die aus ihrer Sicht schon bei der Programmarbeit zu wenig einbezogen wurden. "Wir müssen mehr Demokratie und mehr Offenheit wagen!"

Unter den Funktionären sind es vor allem die Parteilinken, die sich für mehr Mitbestimmung einsetzen. Das ist kein Zufall, es ist (auch) Machtkalkül. Weil die Basis ebenfalls eher links ist und ihnen den Rücken stärken würde, wenn sie mitentscheiden könnte. So auch bei der Großen Koalition: Mattheis ist dagegen. Mit einem entsprechenden Votum der Mitglieder könnte sie ihrem Gegner sagen: Seht her, die Partei ist auf meiner Seite!