ZEIT ONLINE: Auf welche Punkte wird die CDU nicht verzichten?

Stauss: Gute Frage. Außer dem Kanzleramt fällt mir nichts ein, was in der CDU gesetzt ist. Merkels Taktik im Wahlkampf war es ja, klassische SPD-Themen zu besetzen, Lohnuntergrenze, Energiewende und so weiter. Die Union ist momentan völlig Dogma-frei.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Steuererhöhungen? Sie waren ein wichtiges Thema für SPD und Grüne im Wahlkampf, aber unter Schwarz-Gelb tabu.

Stauss: Die CDU wird sich überlegen müssen, wie sie mit den Hinterlassenschaften der FDP umgeht. Auch hier gibt es keine ideologische Festlegung der Unionsspitze. Das ist für die Verhandlungspartner ganz schwierig. Die Union ist so inhaltsbefreit, dass keiner weiß, wie weit sie am Ende zu gehen bereit ist.

ZEIT ONLINE: Die Union ist mit großem Abstand Wahlsiegerin. Wieso ist es trotzdem wichtig, dass sie jetzt eine erkennbare Linie durchsetzt?

Stauss: Aus zwei Gründen: Erstens bringt die Europawahl im Mai 2014 ein erstes Zwischenzeugnis der neuen Regierung. Bei der Wahl gibt es nur eine Dreiprozenthürde. Wenn die AfD den Einzug schafft, etabliert sich damit eine Partei rechts der CDU. Das wird die CDU verhindern wollen, deswegen kann sie nicht zu weit links blinken. Zweitens ist jetzt der Nachfolgekampf um die Posten von Merkel und Seehofer eröffnet. Jetzt geht es darum, wer sich mit welchen Themen profiliert.

ZEIT ONLINE: Wie könnten schwarz-grüne Verhandlungen aussehen?

Stauss: Für die CDU wären sie einfacher als mit der SPD. Die große Differenz zwischen beiden Parteien, der Atomausstieg, ist längst ausgeräumt. Die CDU könnte froh sein, wenn sie die Energie- und Umweltpolitik in die Hände der Grünen legen kann. Es wird aber auch um gesellschaftspolitische Themen gehen, ähnlich wie bei der SPD. Nur dass die Grünen nicht so eine große Verhandlungsmacht haben. Einer Acht-Prozent-Partei hat die Union mehr entgegenzusetzen als einer 25-Prozent-Partei.

ZEIT ONLINE: Aber wären für die Grünen Gespräche mit der CDU nicht sehr riskant? Die Partei- und Fraktionsspitze ist zurückgetreten, noch ist unklar, wer die Partei in Zukunft führt.

Stauss: Da muss man auch die persönliche Ebene betrachten. Für die Spitzenleute der Grünen, die fast alle der Generation Trittin angehören, ist es die letzte Chance auf ein Regierungsamt. Die Grünen werden 2017 nicht wieder mit den gleichen Leuten antreten, die seit 1998 die Partei führen. Für die, die jetzt vorn stehen, heißt es: Jetzt oder nie.