ZEIT ONLINE: Herr Trittin, wenige Tage vor der Bundestagswahl stehen die Grünen in der Kritik, weil sie in ihren Anfangsjahren für eine Straffreiheit von "gewaltfreiem Sex" mit Kindern plädierten. Sie sprechen inzwischen von "falsch verstandener Liberalität". Wann haben Sie damals persönlich festgestellt, dass etwas "falsch" läuft?

Trittin: Ich war damals in Göttingen presserechtlich verantwortlich für ein Programm, das das enthielt, was Grundsatzprogramm der Grünen war. Dieses forderte, die Strafbarkeit des Missbrauchs auf die Anwendung von Gewalt und den Missbrauch in Heimen, Schulen und anderen Abhängigkeitsverhältnissen zu beschränken. Diese Programmlage habe ich vor längerer Zeit schon einen Fehlbeschluss genannt, sie wurde 1989 korrigiert. Jeder Missbrauch ist strafrechtlich zu verfolgen. Das ist fast 25 Jahre her, das sollte man zur Kenntnis nehmen.

ZEIT ONLINE: Als Sie 1989 Fraktionsvorsitzender im niedersächsischen Landtag waren, scheint die Partei noch die Abschaffung von Strafen diskutiert zu haben. Es soll Treffen mit entsprechenden Organisationen gegeben haben. Haben Sie davon nichts mitbekommen?

Trittin: Mir ist davon nichts bekannt.

ZEIT ONLINE: Das Thema bewegt heute dennoch viele Menschen, auch junge. Sie fragen sich: Wurde das Thema Pädophilie damals innerhalb der Grünen auch kritisch diskutiert?

Trittin: Natürlich. Das war sehr kontrovers. Insbesondere die Feministinnen sind dem stark entgegengetreten. Professor Franz Walter, der für uns historisch nachforscht, hat festgehalten, dass der Umbruch 1989 abgeschlossen war. Danach war das beendet. Wir Grünen stehen seitdem für den umfassenden Schutz von Kindern ein. Wir haben im Bundestag 2000 durchgesetzt, dass Gewalt gegen Kinder grundsätzlich strafrechtlich verboten wird. Gegen die Stimmen der CDU. Wir haben 14 Jahre dafür gekämpft, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Gegen die CDU.

ZEIT ONLINE: Sie fühlen sich als Opfer einer Schmutzkampagne des politischen Gegners?

Trittin: Wir werfen CDU und CSU heute nicht Dinge vor, die sie längst abgeräumt haben. Wir erwarten, dass im Wahlkampf die Dinge thematisiert werden, die wir heute vertreten. Im Wahlkampf sollte es darum gehen, wie wir künftig regiert werden wollen. Die Fragen sind, wie die Energiewende umgesetzt wird, ob wir einen Mindestlohn bekommen, ob wir die Zweiklassenmedizin abschaffen, wie wir die Infrastruktur finanzieren und ob Homosexuelle die gleichen Rechte haben wie Heterosexuelle.

ZEIT ONLINE: Die Grünen sind  schon vor der aktuellen Affäre in den Umfragen abgestürzt. Haben Sie der Partei zu sehr den linken Stempel aufgedrückt, in der Steuer-Frage zum Beispiel?

Trittin: Wir Grünen haben als einzige Partei unsere Mitglieder befragt, auf welche Themen wir im Wahlkampf setzen. Kampf gegen Rechtsextremismus, mehr Geld für Bildung und Betreuung, Stopp von Rüstungsexporten, 100 Prozent erneuerbare Energien, Massentierhaltung beenden.

ZEIT ONLINE: Die Steuerforderungen waren nicht Ergebnis des Mitgliederentscheids. Vielleicht, weil Ihre eigene gut verdienende Klientel sich davon bedroht fühlt?

Trittin: Mehr Geld für Bildung und Klimaschutz kriegen sie nicht ohne Subventionsstreichungen, Ausgabenkürzungen und maßvolle Steuersatzerhöhungen. Unsere Forderungen entlasten 90 Prozent der Bevölkerung. Eine Umfrage hat ergeben, dass 77 Prozent der Deutschen und 86 Prozent der Grünen-Wähler es befürworten, mehr Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen zu erheben, um öffentliche Aufgaben zu finanzieren. Alles andere ist politischer Klamauk der kleinen Minderheit, die Angst hat, dass es an ihre Geldbörse geht. Wir Grünen lassen uns nicht davon einschüchtern, dass ein paar Leute ein paar Millionen dafür in die Hand nehmen, Kampagne gegen uns zu machen. Wir hatten solche Auseinandersetzungen auch bei der Atomenergie und wir haben sie am Ende gewonnen.

ZEIT ONLINE: Der grüne Wahlkampf wird von vielen als bevormundend empfunden – Stichwort Veggie Day. "Und du?" – heißt es auffordernd auf den Wahlplakaten. Ihr persönlicher Politikstil wird oft als oberlehrerhaft beschrieben. Alles Kampagne?

Trittin: Wir wollen, dass das Angebot eines vegetarischen Tages in der Kantine gefördert wird. Die Förderung eines Angebots ist kein Verbot. Und schon gar nicht oberlehrerhaft. Aber es ist richtig: Gelegentlich müssen Grüne anecken, gelegentlich müssen sie sogar für Verbote sein. Ja, wir wollen verbieten, dass die industrielle Massentierhaltung steuerlich gefördert wird. Und wir wollen verbieten, dass Tiere massenhaft Antibiotika verschrieben bekommen. Das ist die Debatte, um die es wirklich geht. Wir wollen klimafeindliche Landwirtschaft einschränken. Sollen Union und FDP doch sagen: Ja, wir sind dafür, dass bis zu 6,4  Millionen Menschen in Deutschland bereits Antibiotika-resistente Keime in sich tragen. Aber wir sind auch gegen eine Reihe von Verboten: gegen das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaft und gegen das Verbot des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare. Das sind schwarz-gelbe Verbote.

ZEIT ONLINE: Führende Mitglieder in Ihrer Partei bemängeln, man hätte im Wahlkampf stärker auf die Energiewende setzen sollen – auf die Kernthemen.

Trittin: Mit keinem Thema war ich häufiger zu Gast bei der Bundespressekonferenz. Wir haben einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, wie wir die Energiewende umsetzen können. Wir haben Ideen für eine Strompreisbremse formuliert, wir wollen ein neues Klimaschutzgesetz. Katrin Göring-Eckardt und ich haben die Energiewende bei unzähligen Gelegenheiten ausführlich thematisiert, was auch damit zu tun hat, dass ich als Umweltminister schon einmal zentral zuständig war für den Emissionshandel, den Frau Merkel ruiniert hat, und für das Erneuerbare Energien-Gesetz, das Frau Merkel jetzt ruinieren will.