Wieder ist einer zu schnell gewesen: Im Twitter-Account des Volontärs Moritz S. erschien um 16.29 der Tweet: "Habe von einem Umfrageinstituts-Mitarbeiter erste Zahlen bekommen." Welche das waren, teilte er genau mit. Es waren genau die Werte eines Umfrageinstituts, die zu diesem Zeitpunkt gut informierten Journalisten vorlagen. Das Institut hatte sie ermittelt durch die Befragung von Wählern nach der Stimmabgabe.

Solche Trends vor Schließung der Wahllokale zu verbreiten, ist allerdings verboten. Laut Wahlgesetz könnte ein Verstoß mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro bestraft werden.

Wenige Minuten später machte ein Twitterer den Journalisten in Ausbildung auf das Problem aufmerksam: "Blödsinn", schrieb ihm gangrenous green. Der Journalist Marcus Schwarze von der Rhein-Zeitung sah ihn schon gefeuert: "Volontariatsbeendigungstweet". Alexander Blum von der Bild am Sonntag wies Sch. darauf hin, dass dies aktive Wahlbeeinflussung sei und unter Strafe stehe.

Denn wenn Wähler vor Schließen der Wahllokale das höchstwahrscheinliche Ergebnis kennen, könnten sie ihre Wahlentscheidung davon abhängig machen. Knapp unterlegene Parteien und Direktkandidaten könnten die Wahl anfechten. 

Später verschwand der Tweet mit den Umfragezahlen wieder aus der Timeline des Moritz S. Sein Account sei gehackt worden, verteidigte er sich, er habe die Angaben wieder gelöscht. Die Retweets sind damit im Netz nicht mehr auffindbar, die Antworten darauf gehen ins Leere.

Der Facebookseite des jungen Mannes ist zu entnehmen, dass er sich vor sieben Tagen in einen zweiwöchigen Urlaub verabschiedete. An der Wahlberichterstattung war er demnach nicht beteiligt. Via Twitter teilte er mit, er renoviere gerade seine Wohnung und stellte ein passendes Foto dazu. Wenig später erklärte er: "Da lässt man einmal sein Handy rumliegen und schwupp brennt die Twitter Hütte." Später verschwanden auch diese Tweets wieder.

Auch beim Nordkurier waren schon vor 18 Uhr kurzzeitig Zahlen zu sehen, wie dieser Tweet zeigt. Allerdings weniger folgenreich, weil das Live-Blog der Neubrandenburger Regionalzeitung nicht gerade zu den meistgelesenen Sites zählt und zudem das Weiterverbreiten weniger leicht ist als auf Twitter.

Fehler mit Vorbildern

Fehltritte wie der des Radio-Volontärs gab es schon mehrfach. Bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und im Saarland 2009 gelangten Zahlen der Nachwahlbefragungen an die Öffentlichkeit, bevor die Wahllokale schlossen. Bei der Wiederwahl von Bundespräsident Horst Köhler 2009 twitterte der SPD-Abgeordnete Ulrich Kelber, noch bevor der Bundestagspräsident das Ergebnis verkünden konnte: "Nachzählung bestätigt: 613 Stimmen. Köhler ist gewählt."

Die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner, Mitglied der Zählkommission, folgte wenig später etwas diskreter: "Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt." Adressiert war die Botschaft an jene, die lieber Bundesliga sehen wollten als die Abstimmung über ein neues Staatsoberhaupt.

Der Vorgesetzte des Volontärs, Antenne-Bayern-Chefredakteur Ralf Zinnow, will nach Rückkehr des Mitarbeiters aus dem Urlaub "selbstverständlich (...) den Sachverhalt klären und ihm gegebenenfalls klar machen, dass er auch als Privatperson keine journalistischen Grundsätze brechen darf". Das gelte auch in der Ausbildung, in der man Fehler eher zugestanden bekomme, solange sie keine schwerwiegenden Folgen haben. Zinnow kann dem Vorfall sogar einen gewissen Nutzen abgewinnen, sollte S. tatsächlich der Verantwortliche sein: "Einen Fehler, den man während der Ausbildung macht, wird man im weiteren Berufsleben sicher nicht mehr wiederholen."

Klarstellung vom 26. September 2013: ZEIT ONLINE weist darauf hin, dass das Meinungsforschungsinstitut Forsa die Ergebnisse seiner Nachwahl-Umfrage entsprechend der gesetzlichen Vorgaben am vergangenen Sonntag (22. September) nicht vor 18 Uhr veröffentlicht hat. Die im Text genannten Zahlen entsprechen nach Angaben von Forsa auch nicht denjenigen, die das Institut zum Veröffentlichungszeitpunkt ermittelt hatte.