Woran erkennt man, dass in sieben Tagen Bundestagswahl ist? An den blank liegenden Nerven der Spitzenpolitiker. Der Ton ist feindselig bis giftig. Alle Parteien versuchen auf den letzten Metern, noch unentschlossene Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Das geschieht dann selten subtil oder mit differenzierter Argumentation. Die Methoden lauten viel eher: Holzhammer und Angstmache.

Beispiele, alle von Sonntagabend: Philipp Rösler knallt seinen Parteifreunden einen "Weckruf" an den Kopf. In einem Pathos, das man kaum von ihm kennt, impft der FDP-Chef seinen Parteifreunden ein, dass es nun um nichts weniger als "um Deutschland" gehe. Wer in dieser Woche nicht mit aller Kraft für die FDP kämpfe, dürfe sich über eine rot-rot-grüne Regierung nicht beschweren.

Wenig später reagiert der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel: Er verbitte sich solche "Propagandalügen". In der Talkshow von Günther Jauch wird er ständig von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen unterbrochen. Irgendwann platzt Gabriel der Kragen. Ob sie "etwas geraucht" habe, fragt er, so aufgedreht wirke sie. Auch die Grüne Steffi Lemke und der CSUler Alexander Dobrindt fetzen sich vor laufenden Kameras aufs Übelste. Kaum ein Satz, der ohne "lügen", "diffamieren" und ähnliche Wörter auskommt. 

Stärker profilieren, auch auf Merkels Kosten

Die Konfliktlinien verlaufen aber nicht nur zwischen den politischen Lagern, sondern auch quer hindurch. Koalitionspartner gibt es im Wahlkampf nicht. Der Standardsatz, nach dem jeder für sich allein kämpfe, bekommt im Endspurt eines Wahlkampfs noch einmal eine ganz andere Qualität.

Zu beobachten sind diese atmosphärischen Störungen bereits deutlich bei Schwarz-Gelb. Das Wort des Tages bei den Liberalen war schon am Wahlabend – neben den "Uhren", die in Bayern "anders ticken" – ein eher technischer Begriff, der aber viel Streitpotenzial birgt: Zweitstimmenkampagne. Die FDP ruft somit die Wähler, auch potenzielle CDU-Wähler, dazu auf, eben nicht die Union, sondern doch bitte die FDP zu wählen, falls einem am Fortbestehen von Schwarz-Gelb gelegen sei.

Die FDP müsse stärker darauf achten, dass der "Erfolg der Regierung" auch bei ihr ankomme, so formulierte es Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Anders ausgedrückt: Die FDP will sich in der verbleibenden Zeit stärker profilieren, notfalls auch auf Kosten der Union. Schon in Bayern war das zu beobachten: Ihr Wahlkampf richtete sich stets auch gegen die CSU, die man nicht allein regieren lassen dürfe. Diesen Sound schlagen nun auch die Bundes-Liberalen an: Nur mit der FDP gebe es "keine Steuererhöhungen" und keine "Schuldenunion in Europa", sagte etwa Birgit Homburger. Im Umkehrschluss heißt das: in allen anderen Koalitionen mit der Union schon.

"Die Zweitstimme ist Merkel-Stimme"

Der CDU wird das nicht gefallen. Auf die Zweitstimmen-Debatte der FDP reagierte sie gereizt und machte deutlich, dass man sich daran keinesfalls beteiligen werde. "Die Zweitstimme ist Merkel-Stimme", sagt etwa ihr Generalsekretär Hermann Gröhe. Die CDU fürchtet, dass das gute Ergebnis der CSU in Bayern einen negativen Effekt für die Bundestagswahl haben könnte. Dass sich die Unionswähler nun in Sicherheit wiegen oder dass zu viele Mitleid mit der FDP haben.