ZEIT ONLINE: Frau Bahr, der Bischof von Limburg dominiert seit Tagen die Schlagzeilen. Wird das Thema unverhältnismäßig gehypt?

Petra Bahr: Die Debatte hat durchaus etwas Obsessives. Es gibt plötzlich eine Masse anonymer Bischofsjäger, so wie es vergangenes Jahr Plagiatorenjäger gab. Man könnte das Thema als Oper inszenieren oder als Operette.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien?

Bahr: Eine wichtige. Sie haben die Kontrolle übernommen, die offensichtlich rund um den Bischof entweder versagt hat oder gar nicht vorgesehen war. Aber wie so oft bei Skandalen in den vergangenen Jahren ist mittlerweile ein merkwürdiger Skandalisierungshype entstanden. Jetzt geht es nicht mehr nur um Aufdeckung.

ZEIT ONLINE: Überrascht Sie, dass dieses Thema so einschlug?

Bahr: Ja. Es erregt auch Leute, die sich sonst nicht um die Kirche kümmern. Das Thema ist präsent, beim Frisör oder in der U-Bahn. Wenn die Themen Gott und Geld zusammentreffen, wird es offenbar explosiv.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Bahr: Luxus und Bigotterie, aber auch verschwenderisch-schöne Architektur und barocke Pracht gehören zur Geschichte der Kirche. Lügen, geheime Schatullen und unterirdische Gänge – Stoff, aus dem Romane und Verschwörungstheorien sind. Plötzlich ist es Wirklichkeit geworden, in einem beschaulichen Bistum in Deutschland. Ein Skript wie aus Hollywood. Außerdem wird hier die Unantastbarkeit, die den Bischöfen durch ihre Aura eigen ist, ins Gegenteil verkehrt: Das, was so glänzend verborgen war, wird plötzlich mit Lust und Penetranz durchlöchert. Die sachlichen Folgen: Es kommen zu recht Transparenzforderungen auf, der sich mittlerweile jede Institution stellen muss. Bischöfe waren davon lange geschützt durch Kirchenrecht und Tradition, bis jetzt.

ZEIT ONLINE: Derzeit dreht sich die Berichterstattung aber hauptsächlich um die Person Tebartz-van Elst.

Bahr: Ja, es ist schon interessant, wie sich die Öffentlichkeit fast an seinem Fall ergötzt. Es gibt Parallelen zu den Skandalen um Minister und Bundespräsidenten. Diese geradezu obsessive Begeisterung und Schadenfreude in Blogs und Kommentaren – nicht nur im Boulevard, sondern auch in den gehobeneren Medien. Bilder von seinem gehetzten Gesicht schaffen es auf die Titelseiten. Im Grunde inszeniert sich die mediale Öffentlichkeit als jüngstes Gericht.

ZEIT ONLINE: Warum gerade jetzt? Kirchenskandale hat es schon früher in Deutschland gegeben.

Bahr: Das Neue ist die Personifizierung des Skandals. Es geht nicht mehr grundsätzlich um die Frage, was die Kirche mit ihrem Geld macht. Nun gibt es ein Gesicht. Ein kühl-wächsernes noch dazu. Es gibt jetzt die Möglichkeit, das ganze Unbehagen auf eine Person zu projizieren, nicht nur auf ihr Amt oder eine anonyme Institution.

ZEIT ONLINE: Treiben die Medien den Bischof sogar zum Rücktritt?

Bahr: In der Politik mag man mittlerweile jemanden vielleicht zum Rücktritt drängen. Der Druck der öffentlichen Meinung zählt hier viel. In der katholischen Kirche ist das anders, da entscheidet der Papst. Und der Prozess entzieht sich der Öffentlichkeit. Daraus ergibt sich möglicherweise auch der aktuelle mediale Ruf: Jetzt wollen wir es erst recht wissen.


"Er ist Franziskus' Judas, könnte man fast sagen"

ZEIT ONLINE: Hat die Aufmerksamkeit auch damit zu tun, dass der Limburger Bischof den Sparkurs von Papst Franziskus konterkariert?

Bahr: Ja, was wir aus  Rom sehen und hören, steht im harten Widerspruch zu Limburg. So hat der Tebartz-van Elst nun geradezu das Pech, im Schatten eines faszinierenden Papstes agieren zu müssen, der im Mittelklassewagen fährt und Barmherzigkeit offenbar nicht nur predigt. Damit hat er nicht nur die Herzen der Armen gewonnen, sondern auch die der Intellektuellen und Journalisten. So ist der Limburger Bischof geradezu die Fratze dieses wunderbaren Gesichts in Rom. Sein Judas, könnte man fast sagen.

ZEIT ONLINE: Hat der Medienhype auch etwas Gutes?

Bahr: Alles ist besser, als zu verschweigen, was offengelegt gehört. Es gibt jedoch diesen Moment, ab dem Aufklärung in eine Jagd umschlägt. Das sieht man auch in den Kommentaren. Die Betroffenheit in den deutschen Onlinemedien kippt in eine Boshaftigkeit, die es ja auch schon rund um den Rücktritt von Christian Wulff gegeben hat. Dinge, die man gar nicht im Beisein seiner Kinder formulieren würde, schreibt man sich nun anonym von der Seele. Der Bischof aus Limburg ist nun für alle Verletzungen verantwortlich, die Menschen in der Kirche erfahren haben. Deswegen ist es eine große Herausforderung, in eine hysterisch erregte Gesellschaft eine nüchterne Dimension hineinzubringen. Geht es um nur um den Skandal oder  geht es um eine Diskussion um die Strukturen der Kirche?

ZEIT ONLINE: Wer regt sie mehr auf: antiklerikale Kräfte oder Kirchenbeitragszahler?

Bahr: Beide Gruppen. Diejenigen, die ihrem Bischof vertraut haben und nicht fassen können, dass er gelogen hat, sind anders erregt als die, die sich in ihrer Meinung über die katholische Kirche nochmals bestärkt fühlen. Für sie ist der selbstherrliche Umgang mit anvertrautem Vermögen eher das Problem. Im Hintergrund steht ein Thema, das alle verbindet: der massive Vertrauensverlust gegenüber einer Institution, die für den ersten und letzten Halt im Leben steht.

ZEIT ONLINE: Wie wird das Thema innerhalb der evangelischen Gemeinde diskutiert?

Bahr: Es gibt keinen Grund zur Schadenfreude. Bei uns muss jeder Bischof gegenüber der Synode jeden Cent ausweisen, den er oder sie ausgibt. Insofern ist bei uns die Finanzkontrolle eine andere. Gleichzeitig trifft der Vertrauensverlust gegenüber der katholischen Kirche leider auch die protestantischen Kirchen. Weil viele Leute nicht unterscheiden und weil beim Wort Bischof der Verdacht aufkommt, dass es bei uns ähnlich sein könnte – vielleicht mit einer kleineren Badewanne. Deshalb ist auch die evangelische Kirche in diesem Skandal mitgefangen. Gleichzeitig ist der Kern der öffentlichen Kritik, nämlich Weltabschottung und Realitätsverlust, ein Topos der reformatorischen Romkritik, die schon Luther formulierte, also zutiefst protestantisch.