Eine Bielefeldverschwörung war wohl nicht im Spiel, als die Grüne Bundestagsfraktion am Dienstag mit satten 60 von 62 Stimmen die NRW-Abgeordnete Britta Haßelmann zur neuen Parlamentarischen Geschäftsführerin wählte. Nach der Kampfkandidatur von Katrin Göring-Eckardt und Kerstin Andreae für den Fraktionsvorsitz, die vor allem das Lager der Realos gespalten hatte, war man mal in großem Stil gemeinsam einverstanden. Haßelmann, die bereits vier Jahre lang eine von drei Parlamentarischen Geschäftsführern war, löst nun Volker Beck als Primus inter Pares in diesem Amt ab. 

Mit ihren 52 Jahren kommt Haßelmann gewissermaßen eine Scharnierfunktion zu: Zwischen der sich langsam zurückziehenden Gründergeneration der Grünen um Jürgen Trittin und Claudia Roth auf der einen und den jetzt nachrückenden Jüngeren um die vierzig auf der anderen Seite.

Ihr Werdegang ist typisch für diese mittlere Altersgruppe. Als Sozialarbeiterin in vielen Selbsthilfegruppen und frei finanzierten Vereinen aktiv, gehörte sie in den achtziger Jahren – anders als zuvor noch Jürgen Trittin – nicht selbst zu den Hausbesetzern, sondern zu denen, die für Hausbesetzer Mietverträge aushandelten.

Es war die Zeit der selbst gegründeten kleinen Betriebe. Die taz entstand in jenen Jahren, die Bioläden, Umzugsfirmen, Secondhandshops. Ein Unternehmertum des eigenen Lebens, in dem dann auch der libertäre Strang der Grünen zu Hause war. Lustigerweise gehörte auch ein Kohlehandel zu den Betrieben, in denen Haßelmann damals lebte und arbeitete – man trennte nicht zwischen beidem. Zeitweise lebte sie auch mit den Psychiatriepatienten zusammen, die sie als Sozialarbeiterin betreute.  

Lokal engagiert

Ihr Bielefelder Kreisverband gehörte zu den muntersten der Republik: Antje Vollmer stammte von dort, die heutige stellvertretende DGB-Vorsitzende Annelie Buntenbach, der heutige Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper.

Das Jahr 1989, in dem Haßelmann bei den Grünen aktiv wurde (eingetreten ist sie erst 1994), war kein glanzvolles Jahr für die Grünen. Zur Euphorie des Mauerfalls und der späteren Wiedervereinigung fiel den Grünen nichts anderes ein als: "Alle reden von Deutschland – wir reden vom Wetter."

Haßelmann war diese seltsame Kälte völlig fremd. Sie war in Holland unterwegs, als sie im Autoradio die Nachricht vom Fall des Eisernen Vorhangs hörte: "Für mich war das toll, das hat mich berührt." Aber auch nicht so sehr, dass sie nach Berlin aufgebrochen wäre: "Ich war so was von lokal engagiert!" Über ihren Selbsthilfe-Verein ergaben sich allerdings bald Kontakte zu Psychiatrie-Initiativen und Umweltverbänden im Osten.

Haßelmann ist zierlich, flink und freundlich. Aber niemand sollte sie unterschätzen. Politisch gestählt wurde sie in der rot-grünen Koalition in NRW unter dem SPD-Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau sowie unter den Ministerpräsidenten Wolfgang Clement und Peer Steinbrück. Damals empfand die SPD die Existenz der Grünen noch als Affront. Auf Seite der Grünen waren rot-grüne Bündnisse noch ein Projekt der Realos – vielen Linken galt das Regieren schon als Verrat. Niemand wäre damals auch nur in Fahrdistanz auf die Idee eines schwarz-grünen Bündnisses gekommen. 

Haßelmann lacht in Erinnerung daran, wie im Marien-Wallfahrtsort Kevelaer damals der erste Koalitionsvertrag ausgehandelt wurde. "Wir gingen alle vors Haus mit einem Packen Blätter in der Hand und machten eine Lesepause, für jedermann ansprechbar", erinnert sie sich. "Das wäre heute doch völlig undenkbar."      

Eine Damenmannschaft, die heute noch zusammenhält

Damals, berichtet Haßelmann, habe sie gelernt, mit Einschüchterungsversuchen zu leben. Wie macht man das? "Wir sind immer sehr gut vorbereitet da rein gegangen, meist besser als die Gegenseite. Bärbel Höhn, Michael Vesper, Reiner Priggen, Frithjof Schmidt, Sylvia Löhrmann – zwischen uns passte kein Blatt."

Als Clements Nachfolger Steinbrück einmal fand, es wäre eigentlich schöner, mit der FDP zu koalieren als mit den Grünen, trat Haßelmann mit einer Damenmannschaft auf, die noch heute zusammenhält: Sylvia Löhrmann, von der viele glauben, sie sei heute das intellektuelle Zentrum der Kraft-Regierung, Bärbel Höhn und Britta Haßelmann. "Wir Frauen waren gut gelaunt. Wir sind da rein: 'Wo tut's denn weh? Wir wollen das mit euch verhandeln.' Das hat die Super-Egos da schnell schachmatt gesetzt." 

Man habe "nicht immer alles in Brüchen" gedacht, nicht immer gleich mit Ultimaten operiert. Realpolitik eben. Haßelmann war es damals auch, die den berühmten Bielefelder Parteitag eröffnete, bei dem Joschka Fischer ein Farbbeutel an den Kopf flog und die Halle von Antikriegsdemonstranten umstellt war. "Ein Ausnahmezustand!", erinnert sich Haßelmann mit Grausen. Sie stand damals auf Seiten Fischers, sie war für den Einsatz deutscher Soldaten im jugoslawischen Bürgerkrieg.

Abgeordnete in Berlin zu sein empfindet Haßelmann als "großes Geschenk".  "18. Legislaturperiode" sagt sie feierlich vor sich hin. Aber Bielefeld gibt es, und sie wird niemals von dort wegziehen.