Feierliche Stimmung? "Nein, eher businessmäßig gestimmt" fühle er sich, sagt der ehemalige Chef der Linkspartei und jetzige einfache Abgeordnete, Klaus Ernst, als er an diesem Morgen durch den Berliner Reichstag hetzt. "Jetzt geht die ganze Arbeit wieder los."

Doch durchaus nicht alle Abgeordneten, die sich zur Konstituierenden Sitzung des 18. Deutschen Bundestags hier eingefunden haben, sehen das so cool. Etwas Besonderes ist das Ereignis natürlich vor allem für die Neuen.   

Im grünen Vierziger-Jahre-Kleid steht Michelle Müntefering am Kaffeestand vor den Fraktionssälen. Sie ist ohne Mann angereist: Ex-SPD-Chef Franz Müntefering hat Termine in NRW. Seine Frau kennt den politischen Betrieb, sie arbeitete bereits als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die SPD-Fraktion. Trotzdem erfülle es sie mit Stolz, dass sie als gewählte Abgeordnete jetzt endlich auch einmal in den Plenarsaal darf, sagt sie. 

Kein Platz im Fraktionssaal der Union

Auch für Emmi Zeulner, 26-jährige CSU-Abgeordnete und gelernte Krankenschwester, ist es ein aufregender Tag. Morgens hat sie schon Radio-Interviews gegeben. Jetzt steht sie hier und freut sich – gut konservativ – dass am Ende der Sitzung die Nationalhymne gesungen wird. "Ich werde fleißig arbeiten", versichert sie. Zeulner und Müntefering sind für das neue Parlament gar nicht so untypisch. Insgesamt ist es weiblicher geworden, auch wenn Frauen noch immer in der Minderheit sind.  

Vor allem die Union hat viele Neuzugänge zu verkraften. Manch ein Unionist stört sich an der Enge im Fraktionssaal. Damit die 114 neuen Abgeordneten Platz haben, müssen in den kommenden Wochen sogar kleinere Tische eingebaut werden. "Ich denke, dass es ein bisschen dauern wird, bis ich alle neuen Kollegen kenne", sagt Fraktionschef Volker Kauder

Nach 33 Jahren auf der Besuchertribüne

Doch nicht nur die Neuen sind neu im Bundestag. Wie sehr sich das Parlament verändert hat, ist augenscheinlich, sobald man einen Blick in den Plenarsaal wirft. Vom Rednerpult aus gesehen rechts außen saß früher die FDP. Jetzt erstreckt sich von dort bis in die Mitte des Saals ein riesiger Unionsblock. "Der Anblick erfüllt mich mit großer Freude", sagt Kauder.

Die ehemaligen FDP-Abgeordneten haben eine Einladung zu der Sitzung erhalten, allerdings mit Plätzen auf der Besuchertribüne.  Gefolgt sind sie ihr nur vereinzelt. Hermann Otto Solms beispielsweise, Finanzexperte der FDP, sieht sich das Geschehen, an dem er 33 Jahre lang teilhatte, nun von oben an. Genau wie der bisherige Vizebundestagspräsident Wolfgang Thierse übrigens, der allerdings mehr Grund zu guter Laune hat. Nicht nur, weil seine Partei noch im Bundestag sitzt, sondern auch, weil er an diesem Tag 70 Jahre wird. 

Immerhin, die Liberalen sind nicht vergessen. Es ist vor allem Alterspräsident Heinz Riesenhuber, einst Minister in einem schwarz-gelben Kabinett, der die Sitzung mit einer Art Gedenkminute nicht nur, aber vor allem auch für die Liberalen beginnt: "Wir denken an alle Kollegen, die nicht mehr im Parlament sind", sagt er. "Alle Ehemaligen gehören zu unserer Gemeinschaft, danke für Ihre Arbeit." Selbst bei der Linkspartei rühren sich da höflich ein paar Hände.