Der neue, 18. Deutsche Bundestag ist arbeitsfähig. Die 631 Abgeordneten wählten den CDU-Politiker Norbert Lammert mit 591 Stimmen wieder zum Parlamentspräsidenten. Das entspricht einer Zustimmung von 94,6 Prozent. Lammert hat das Amt seit 2005 inne.

Die Abgeordneten bestätigten zudem sechs Stellvertreter: Ex-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ( SPD ) erhielt 520 Ja-Stimmen. Für die Linke-Politikerin Petra Pau , die bereits Vizepräsidentin war, votierten 451 Abgeordnete. Der frühere CDU-Generalsekretär Peter Hintze bekam 449 Ja-Stimmen, der CSU-Abgeordnete Johannes Singhammer 442 Ja-Stimmen, auf die frühere Grünen-Vorsitzende Claudia Roth entfielen 415 Ja-Stimmen.

Der 64-Jährige Lammert äußerte sich beeindruckt von seinem Ergebnis, vor allem auch, weil sein Verständnis der Amtsführung in den eigenen Reihen "nicht immer stürmische Begeisterung ausgelöst hat". Lammert hatte stets die Unabhängigkeit des Parlaments gegenüber der Regierung betont und sich damit auch Unmut aus der schwarz-gelben Koalition zugezogen. 

Traditionell eröffnet hatte die Sitzung am Vormittag der älteste Abgeordnete im Saal, der 77-jährige frühere Bundesminister Heinz Riesenhuber . Der CDU-Abgeordnete warb dafür, der den aus dem Bundestag ausgeschiedenen FDP-Abgeordneten freundschaftlich verbunden zu bleiben. Riesenhuber dankte ihnen für ihre Arbeit zum Wohl der Demokratie.

Riesenhuber sagte, das Parlament beginne seine Arbeit in einer "unübersichtlichen Zeit". Deutschland stehe vor übergeordneten Herausforderungen, wie etwa dem demografischen Wandel. Gleichzeitig sei Deutschland stark in der Gemeinschaft Europas und durch seine demokratischen Traditionen, sagte der frühere Forschungsminister. Die Fraktionen mahnte er: "Die Schönheit eines Programms darf sich nicht am Wahltag erschöpfen."

Streitpunkt Minderheitenrechte der Opposition

Im neuen Bundestag sitzen ab sofort nur noch vier Fraktionen: Die mutmaßlichen Koalitionäre von Union und Sozialdemokraten, die gemeinsam über 504 der 631 Sitze verfügen, sowie die Linke und die Grünen , die zusammen auf 127 Sitze kommen.

Am Rande der Sitzung wurden weitere Personalia bekannt: Nach Informationen aus Kreisen der Linksfraktion verlautete, soll Gesine Lötzsch Chefin des Haushaltausschusses werden.

Die Sitzverteilung im neuen Bundestag ist bereits der erste Streitpunkt: Im Falle einer Großen Koalition hätte die Opposition zu wenig Stimmen, um ihre Minderheitsrechte wahrzunehmen. Für wichtige Kontrollrechte – etwa die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses oder die Prüfung von Bundes- und EU-Gesetzen – benötigt die Opposition gemäß Grundgesetz ein Viertel der Stimmen.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi fordert deswegen eine Änderung des Grundgesetzes , die Grünen wollen ihre Rechte notfalls vor dem Bundesverfassungsgericht einklagen. Bundestagspräsident Lammert hat bereits vor seiner Wiederwahl versucht, in diesem Punkt zu beschwichtigen: Er habe nach Vorgesprächen den Eindruck, "dass die Bereitschaft in allen Fraktionen vorhanden ist, sich mit dem Thema in Ruhe, aber auch aufgeschlossen zu beschäftigen", sagte der CDU-Politiker.

In seiner Rede vor dem Parlament sagte Lammert unter anderem, im Fall einer Großen Koalition müsse geklärt werden, ob die Geschäftsordnung des Bundestags und gesetzliche Regelungen zur Gewährleistung der Minderheitenrechte angepasst werden müssten. Union und SPD haben sich schon bereit erklärt, die Oppositionsrechte zu stärken. Die Union will dafür aber nicht das Grundgesetz ändern.

Merkel ist ab sofort geschäftsführende Kanzlerin

Mit der konstituierenden Sitzung geht die Zeit der Schwarz-gelben Regierung zu Ende. Am Nachmittag entließ Bundespräsident Joachim Gauck die Kabinettsmitglieder aus dem Amt. "Mit ihrer Arbeit haben Sie sich um unser Land und seine Menschen verdient gemacht", sagte er. Kulturstaatsminister Bernd Neumann teilte mit, er stehe für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung.

Kanzlerin Merkel, ihre Minister und deren Staatssekretäre bleiben nun geschäftsführend im Amt , bis eine neue Regierung vereidigt ist. Dies könnte noch einige Wochen dauern: Die SPD hat angekündigt, die Koalitionsgespräche mit CDU und CSU könnten sich noch bis Weihnachten ziehen.

Vor der Sitzung waren viele Abgeordnete zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Berliner St. Hedwigskathedrale zusammengekommen. An der Andacht nahmen neben Kanzlerin Merkel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier auch die CDU-Abgeordneten Lammert und Riesenhuber teil.