Nach dem vorläufigen Ende der FDP-Fraktion im deutschen Bundestag fand Philipp Rösler klare Worte: "Wir wissen, dass diese FDP ganz bewusst abgewählt wurde." Diese FDP, das war das Politikmodell einer defensiven Dagegen-Partei, die seit 1998 Opposition verinnerlicht und das Regieren verlernt hatte.

Eine Gruppierung, die lieber ihr Profil als konservative Wirtschaftspartei zuspitzte, als sozialpolitisch und rechtsstaatlich progressiv zu sein. 2009 machte die FDP sich endgültig den Protest einer "vergessenen Mitte" zum Leitthema. So bekam sie öffentliches Gehör.

Viele Mitglieder haben diese Zuspitzungen unterstützt, zum Teil auch aus inhaltlichen Gründen. Aber vielen anderen bereitete das reduzierte Bild der FDP schon lange inneres Unbehagen. Als die Parteiführung die versprochene Reform des Steuersystems schon in den Koalitionsverhandlungen verriet, verlor sie am Ende auch das Vertrauen ihrer Wähler.

Eine Forsa-Umfrage verdeutlichte schon 2011 die Probleme. Knapp 60 Prozent der abgewanderten FDP-Wähler waren der Ansicht, die FDP sei "der verlängerte Arm der Wirtschaft", sie verkörpere "die Vergangenheit, sie werde deshalb mit den Herausforderungen in Deutschland nicht fertig". Der Wahlkampf 2013 lief dennoch nur auf ein müdes "Weiter so!" hinaus. Als siecher Bruder des CDU-Wirtschaftsflügels ist die FDP ganz bewusst abgewählt worden.

Freiheit neu denken: Vom Stoppschild zum Leitbild

In den Schock der Liberalen darüber mischt sich aber mitunter auch ein Stück Hoffnung auf einen Neuanfang. Er muss beginnen an der Wurzel – mit einem anderen Verständnis von Freiheit.

Zu lange verstand sich die FDP als defensive, ja konservative Schutzmacht einer "vergessenen Mitte", die vor sozialdemokratischen, sozialistischen und grünen Interventionen verteidigt werden muss. Aber in einer globalisierten Welt ist Abwehr nicht genug. Christian Lindner hatte das schon 2008 erkannt. Im Vorwort zu dem mit Philipp Rösler herausgegebenen Sammelband "Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt" verwies er auf eine Unterscheidung des Tübinger Philosophen Claus Dierksmeier zwischen einer quantitativ und einer qualitativ verstandenen Freiheit. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis vergangener Fehlentwicklungen.

Vertreter quantitativer Freiheit wollen immer mehr Freiheit und weniger Intervention: "Je mehr Freiheit, desto besser." Also: Protest gegen den Veggie-Donnerstag mit einer Bratwurst in der erhobenen Hand, als sei es die Freiheitsfackel. Dagegen kommt für Freunde qualitativer Freiheit die Qualität vor der Quantität – also: "Je besser die Freiheit, desto mehr davon." Sie würden Kantinen freundlich empfehlen, an jedem (!) Tag der Woche auch ein vollwertiges vegetarisches Gericht zur Auswahl anzubieten.

Quantitative Freiheit erfordert Abwehrreflexe – Freiheit als Stoppschild, das die Unabhängigkeit des Einzelnen schützt. Das taugt zur PR-Pose. Qualitative Freiheit dagegen erfordert Reflexion – Freiheit als Leitbild beim Arrangement von gegenseitigen Abhängigkeiten. Das ist die Tradition der Aufklärung.

Und es ist anspruchsvoll, weil Freiheit dann nicht in einer Größe, sondern in vielen Formen existiert, lebensweltlich, kulturell und zeitgeschichtlich in unterschiedlichen Ausprägungen. Wer sich darauf einlässt, lernt Freiheit zu gestalten, statt jede Gestaltung von vornherein zu verweigern. Am Ende führt diese differenzierte Idee der Freiheit auch zu mehr Freiheit für mehr Menschen, als die Reduktion der Freiheit auf ein Stoppschild das bewirken könnte.

Perspektiven eines humanistischen Liberalismus

Reflektierte Freiheit braucht Maßstäbe. Der Liberalismus ist ein politisches Kind des Humanismus. Nicht historische Dialektiken, Klassenfragen, Traditionen oder Umweltprobleme, sondern der individuelle Mensch in seiner Einzigartigkeit steht im Mittelpunkt aller liberalen Politik. Zur CDU, zur SPD und zu den Grünen würde diese liberale Partei also gleichermaßen Distanz wahren

Stellen wir uns Freie Demokraten vor, die sich auf ihre humanistischen Wurzeln besinnen würden. Sie würden sagen: "Die Freiheit des Einzelnen ist Grund und Grenze liberaler Politik. Frei zu sein heißt, das eigene Leben selbstbestimmt leben zu können. Zweck aller liberalen Politik ist es, die Voraussetzungen für die selbstbestimmte Entfaltung zu gewährleisten: Faire Chancen für jeden einzelnen Menschen und Freiheitsordnungen für die offene Bürgergesellschaft."

Damit würden die Freien Demokraten die emanzipative Idee der Lebenschancen von Ralf Dahrendorf aufgreifen. Liberale Chancenpolitik würde eine Vielfalt der Chancen für jeden Menschen befördern – durch Bildung, einen offenen Arbeitsmarkt und eine offene Gesellschaft. Gleichzeitig würden die Freien Demokraten an ihre ordo-liberale Tradition anknüpfen. Sie würden Grund- und Teilhaberechte souveräner Bürger im Staat sichern, Zwang abwehren und staatliche wie auch wirtschaftliche Machtmonopole zerschlagen, die die Freiheit der Einzelnen bedrohen.