Ausgerechnet Jens Spahn und Karl Lauterbach. Seit Jahren debattieren Union und SPD in bekannten Schleifen über die Finanzierung des Gesundheitssystems, in der ersten Reihe immer mit dabei: die beiden Gesundheitsexperten von Union und SPD. Ausgerechnet diese zwei, die sich im Gesundheitsausschuss und in Talkshows gestritten haben wie die Kesselflicker, leiten nun die Koalitionsgespräche zum Thema Gesundheit.

Diese beiden Kerle, die sich jeweils den Job des Gesundheitsministers zutrauen, sollen es gemeinsam reißen? Was kann dabei herauskommen? Viele gesetzlich Versicherte empfinden das System heute als ungerecht. Und vor allem ältere Privatversicherte beklagen kaum bezahlbare Prämien. Die Verhandlungsführer stehen vor der Frage, wie es möglich ist, die Finanzierung einer hochwertigen Gesundheitsversorgung langfristig zu sichern. Findet die Große Koalition eine Lösung jenseits der ausgetrampelten Pfade?

Der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem dämpft die Erwartungen. Er rechne nicht damit, dass Privatversicherte künftig Solidarbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) leisten, sagte er ZEIT ONLINE. Aus seiner Sicht wäre es aber dringend notwendig, die strukturelle Einnahmeschwäche der GKV zu verringern. Denn dass die Krankenkassen derzeit ein Finanzpolster von mehr als 28 Milliarden Euro haben, sei einzig der gut laufenden Wirtschaft und der geringen Arbeitslosigkeit zu verdanken. Sobald die Konjunktur erlahme, sehe es wieder schlechter aus.

2015 Defizit von drei Milliarden Euro erwartet

Der scheidende Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat seine Beamten ausrechnen lassen, dass die GKV schon 2015 ein Defizit von drei Milliarden Euro haben wird. Für 2016 wird ein Minus von sechs Milliarden Euro prognostiziert, 2017 sollen es schon mehr als zehn Milliarden Euro sein. Spätestens dann müssten viele Kassen Zusatzbeiträge von ihren Versicherten verlangen.

Laut Gesundheitsökonom Wasem gibt es zwei Möglichkeiten, das Defizit der gesetzlichen Kassen zu verringern: eine stärkere Steuerfinanzierung oder höhere Beitragseinnahmen, indem beispielsweise Einkünfte aus Mieten oder Zinsen mit herangezogen werden. "Bei beidem kann ich mir nicht vorstellen, dass es kommen wird", sagt Wasem, "von daher denke ich nicht, dass wir eine grundlegende Finanzreform bekommen werden."

Der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, hält es dagegen für durchaus möglich, dass die künftige Koalition die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend verändert – selbst wenn das im Koalitionsvertrag nicht formuliert werde. "Auch 2005 stand nichts von einer grundlegenden Reform im Koalitionsvertrag von Union und SPD, dann haben die Koalitionäre mit dem Gesundheitsfonds das Finanzierungssystem völlig umgekrempelt", sagte Lanz im Gespräch mit ZEIT ONLINE.