Auf dem Parteitag der Grünen in Berlin wurde die Saarländerin Simone Peter zur neuen Vorsitzenden der Partei gewählt. 75,91 Prozent stimmten für die 47-Jährige, die ohne Gegenkandidatin angetreten war. 82 der 743 Delegierten stimmten gegen sie, 97 enthielten sich.

Parteichef Cem Özdemir wurde in seinem Amt bestätigt – ebenfalls mit einem schwachen Ergebnis. Er erhielt 71,4 Prozent der Stimmen. Özdemir war nach dem schlechten Ergebnis für die Grünen bei der Bundestagswahl der einzige aus der Parteiführung, der erneut für ein Spitzenamt kandidierte. Als Nachfolger der Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke wurde Michael Kellner gewählt. Der frühere Büroleiter von Claudia Roth bekam 88,5 Prozent der Stimmen.

Am späten Abend wurde zudem der neue Parteirat gewählt. Unter anderem setzten sich der baden-württembergische Verbraucherminister Alexander Bonde und Anton Hofreiter , der Fraktionschef im Bundestag, als neue Mitglieder durch. Die stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen , Sylvia Löhrmann , wurde neu in den Rat gewählt. Kovorsitzende Katrin Göring-Eckardt zieht erneut in das Leitungsgremium ein. Von den sieben gewählten Frauen erzielte sie jedoch das zweitschlechteste Ergebnis. Peter, Özdemir und Kellner gehören dem Gremium durch ihr Amt automatisch an.

In seiner kämpferischen Bewerbungsrede ging der 47-Jährige auf Vorwürfe ein, er habe während des Wahlkampfes kein Gegengewicht gegen den Spitzenkandidaten und Parteilinken Jürgen Trittin gebildet und zudem nicht deutlich genug für die Realos Position bezogen: Ihm habe manchmal der Mut gefehlt, "mit einer eigenen Position mal auf die Schnauze zu fallen oder eine Abstimmung zu verlieren", sagte Özdemir.

Es könne nicht darum gehen, es allen recht zu machen, sagte Özdemir. "Und ich will es in Zukunft auch nicht mehr. Denn genau da habe ich in den vergangenen Jahren Fehler gemacht."

Simone Peter warf in ihrer Bewerbungsrede Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, den Klimaschutz zu vernachlässigen und dafür Spenden von den BMW-Eignern zu kassieren. "Wir verbinden Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit", sagte Peter und rief dazu auf, das Profil der Grünen zu schärfen und Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen. 

Viel Applaus für Roth

Peter tritt die Nachfolge von Claudia Roth an, die nach insgesamt mehr als elf Jahren als Grünen-Chefin nicht mehr für die Parteispitze kandidierte.

Mit stehenden Ovationen hatten die Grünen zuvor ihren Parteivorstand verabschiedet. "Ich will keine Tränen sehn", rief die scheidende Parteichefin Claudia Roth den rund 800 Delegierten zu, hielt sich jedoch selbst nicht daran. Ihr Amt sei mehr als eine Funktion gewesen: "Das war Leben, das war Handeln, das war Kämpfen, das war Genießen, das war auf und ab." Sie wünsche sich, dass die Grünen immer die Grünen blieben und sich nicht über andere, sondern sich selbst definierten.

Die bayerische Landesvorsitzende Theresa Schopper sagte, Roth habe sich "zu einem Aha-Erlebnis, zu einem Eisbrecher für konservative Männer" entwickelt. "Du bist auf der Skala Leidenschaft immer mit der vollen Punktzahl." Roth hatte nach der Bundestagswahl ihren Rückzug nach elf Jahren als Parteichefin angekündigt. Ihr politisches Wirken ist aber keineswegs beendet: Sie wurde erneut in den Bundestag gewählt und von ihrer Fraktion für den Posten der Vizepräsidentin nominiert .

"Andere Koalitionen müssen möglich sein"

Die Grünen wollen sich künftig Regierungsoptionen jenseits von Rot-Grün eröffnen. "Andere Koalitionsoptionen müssen grundsätzlich möglich sein – sei es Rot-Grün-Rot oder Schwarz-Grün," heißt es in einem Beschluss der Delegiertenkonferenz. Die sofortige Aufnahme von Sondierungsgesprächen mit SPD und Linkspartei im Bund wurde abgelehnt.

Die neue Fraktionschefin im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, machte deutlich, dass nun die Frage nach Koalitionen nicht mehr im Mittelpunkt der internen Debatten stehen solle. Die Grünen seien nicht im Wartestand im Hinblick auf weitere schwarz-grüne Sondierungen. Parteichef Cem Özdemir schloss hingegen eine Wiederaufnahme der Gespräche nicht aus, falls die schwarz-roten Koalitionsverhandlungen scheitern sollten.