Trotz aller Sticheleien und Barrieren: Ein zweites Treffen bringt sowohl für die Union als auch für die Grünen Vorteile mit sich. Angela Merkel befindet sich in der unangenehmen Situation, dass sie als Wahlsiegerin von der wesentlich schwächeren SPD hingehalten wird. Viele Sozialdemokraten haben keine Lust auf eine neue große Koalition. Auch deswegen hat SPD-Chef Sigmar Gabriel den Parteimitgliedern versprochen, dass sie entscheiden dürfen, ob er ein solches Bündnis überhaupt eingehen darf. 

Um ein positives Basis-Votum zu erlangen, müssen die Sozialdemokraten der Union in etwaigen Koalitionsverhandlungen einige Erfolge abringen. In dem die CDU-Vorsitzende sich die Grünen also als potenzielle Partner warmhält, versucht Merkel den Preis für eine große Koalition zu drücken. Zudem weiß sie, dass Politik unberechenbar ist und sie im schlimmsten Fall vielleicht wirklich einen anderen Partner als die SPD braucht.

In den vergangenen Tagen meldeten sich außerdem immer mehr Führungspolitiker der CDU, die ihre Sympathien für Schwarz-Grün betonten. Zu ihnen gehören die Vorsitzenden der großen CDU- Landesverbände NRW und Baden-Württemberg, Armit Laschet und Thomas Strobl. Auch Merkels Umweltminister Peter Altmaier würde seine Energiewende am liebsten mit den Grünen umsetzen. Merkel kann es also nur helfen, sich ein schwarz-grünes Bündnis möglichst lange offen zu halten.

Neue Wege für die Grünen

Auch für die Grünen macht es Sinn, noch ein bisschen mit der Union zu reden. Nach einem enttäuschenden Wahlkampf als Anhängsel einer dauerschwächelnden SPD sprechen inzwischen auch linke Politiker wie der neue Fraktionsvorsitzende Toni Hofreiter davon, dass die Grünen sich künftig für neue Koalitionen öffnen müssten. Die Grünen wissen, dass das ökologisch bewusst lebende Bürgertum, das sie mit ihrer Politik unter anderem ansprechen, mit einem schwarz-grünen Bündnis sympathisiert. Deshalb wollen sie ihre Chance auf Gespräche mit Angela Merkel voll ausnutzen, um ihren grundsätzlichen Willen zu Verhandlungen zu betonen.

Viele Grünen-Mitglieder und Basis-Funktionäre allerdings sind weiter vehement gegen ein solches Bündnis. Um sie zu beruhigen, haben Cem Özdemir, Claudia Roth, Winfried Kretschmann und der Rest der Verhandlungsdelegation vorgesorgt: Die Grünen marschierten am Donnerstag mit einem dicken Inhalte-Papier in ihr Gespräch mit Angela Merkel. Energiewende, Homo-Ehe, Flüchtlingspolitik, Betreuungsgeld, Massentierhaltung, Bildung – alles wollten sie ansprechen, überall ihre Forderungen und die Unterschiede zu den konservativen Volksparteien betonen. 

Die meisten Themenkomplexe seien in den drei Stunden leider nur "angerissen" worden, sagte Grünen-Chefin Claudia Roth im Anschluss in die Kameras. Auch deshalb müsse man dringend noch ein zweites Mal sprechen.

Es ist ein doppeltes Signal, dass Roth damit sendet: Die Grünen zeigen der Union und dem schwarz-grün zugeneigten Wähler, dass sie sich als seriöse Gesprächspartner verstehen. Sie machen gleichzeitig den skeptischen Anhängern klar: Wir zeigen Merkel und Seehofer, was uns trennt.

Die Grünen fahren schon seit einigen Tagen die Strategie, dass sie in Pressekonferenzen und Fernsehstatements so viele Forderungen an die Union aufstellen, dass diese sie kaum erfüllen kann. "Wir hätten auch auf der Oberfläche surfen können, aber das haben wir nicht gemacht", sagte Roth am Ende der Sondierungsgespräche noch in die Kameras. Lächelte und trat ab.