Eine Regierungsbildung ist immer verbunden mit langen Sitzungen. Vor allem, wenn, wie im aktuellen Fall, noch alles offen ist, die Partner noch gar nicht feststehen: Der Reichstag war bereits abendlich angestrahlt, als das erste Sondierungsgespräch zwischen Union und Grünen am Donnerstagabend beendet wurde. Schon jetzt ist sicher: Beim nächsten Mal soll es noch länger gehen, man werde mit "open end" tagen. Schließlich müsse im Anschluss definitiv eine Entscheidung getroffen werden.

Angela Merkel dürfte das nicht weiter bekümmern. Die Kanzlerin ist für ihr Durchhaltevermögen bekannt, auch und gerade in langen Sitzungen. Auf EU-Gipfeln hat sie dies oft bewiesen. Ihre Biografin Evelyne Roll schrieb einmal, genau diese Fähigkeit qualifiziere Merkel zur Spitzenpolitikerin: verfahrene Kontroversen zu "Ergebnissen zu führen, mit denen schließlich alle, wenn auch zähneknirschend, leben können".

Nächtliche Verhandlungen gehören zur Politik, oft weil es terminlich für die vielseitig engagierten Spitzenleute nicht anders geht. Aber ein bisschen Taktik ist auch dabei, erzählt Hans Eichel. "Nächtliche Sitzungen sind ein Stück weit auch ein Ritual, um die Akzeptanz von Kompromissen zu erhöhen. Dann kann man sagen: Wir haben gekämpft bis zum Umfallen, lange zusammengesessen, das ist das Ergebnis, das möglich war", sagt der frühere SPD-Bundesfinanzminister.  

Übermüdete Entscheidungen sind nicht qualitativ schlechter

Eichel, der auch Ministerpräsident in Hessen war, hat als Spitzenpolitiker an vielen nächtlichen Sitzungen teilgenommen. Grundsätzlich glaubt er nicht, dass nachts schlechtere Entscheidungen getroffen werden: "Der Adrenalinspiegel ist so hoch, da ist es egal, wie spät es ist. Ich habe es eher so erlebt, dass es früh am Tag schwierig war, da sind Menschen oft noch müde und entsprechend schlecht gelaunt."

Studien haben ebenfalls ergeben, dass die Entscheidungen von übermüdeten Politikern keinesfalls schlechter ausfallen als die von ausgeruhten, sagt der Psychologe Jan Häusser, der an der Universität Hildesheim über Gruppenentscheidungen und Schlafentzug forscht. "In der Spitzenpolitik kommt ein Phänomen hinzu, das wir Selbstselektionseffekt nennen", sagt Häusser. "Wer mit dem Entscheidungsdruck unter ständigem Schlafentzug nicht zurechtkommt und ein entsprechendes Durchhaltevermögen nicht hat, der entscheidet sich zumeist irgendwann dafür, seinen Posten aufzugeben."

Häusser erforscht, wie sich Schlafmangel auf Gruppenentscheidungen auswirkt. Bislang gebe es dazu kaum Untersuchungen, berichtet er. Studien zu Einzelpersonen hätten allerdings ergeben, dass übermüdete Entscheider manchmal nicht bereit seien, neue und womöglich wichtige Fakten anzuerkennen, berichtet Häusser. "Übermüdete Menschen sind weniger bereit, ihr geplantes Vorgehen noch zu hinterfragen und zu revidieren. Zudem kommunizieren sie ineffektiver."

Ganz unabhängig von der Tageszeit: Für Psychologen ist es auch interessant, wie groß und homogen die Kreise sind, in denen Politiker ihre Entscheidungen treffen. Zu den Sondierungsgesprächen führt Angela Merkel eine Gruppe von insgesamt sieben CDU-Politikern und sieben CSU-Politikern an. Ihr saßen 14 SPD-Politiker und später acht Grüne gegenüber. Klar, dass solche Treffen erst mal weniger effektiv sind als Sechs-Augen-Gespräche unter Parteivorsitzenden.