"Was will das Weib?", soll Freud einst gefragt haben, wohl ehrlich ratlos. Eine Frage allerdings, die nur im Patriarchat gestellt – und nur nach dessen Ende beantwortet werden kann. Aber so weit sind wir auch ein Dreivierteljahrhundert nach dem Tod des Meisters nicht. Und so kommt es, dass im neunten Amtsjahr der ersten deutschen Kanzlerin noch Varianten der großen Frage durch die Öffentlichkeit geistern: Was will Merkel? Wofür steht sie? Steht sie überhaupt für etwas, hat sie eine Vision, ein Programm?

Und seit dieser Bundestagswahl: Wen bringt sie als Nächstes um? Wen wird die Königsboa in ihrer Umarmung ersticken – wieder die SPD oder diesmal die Grünen? Wen frisst die Schwarze Witwe jetzt, die Gottesanbeterin – das Bild fand ein ungarisches Wirtschaftsmagazin –, nachdem sie sämtliche innerparteiliche Konkurrenz verputzt und gar eine ganze Partei geschluckt hat, die FDP?

Gegenfrage: Was würde kühle politische Analyse zu diesen Metaphern sagen? Sehen wir uns die Strecke von Merkels angeblichen Opfern doch einmal an: Die SPD hat, nach einer anderen und sonst weithin akzeptierten Zeitgeschichtsschreibung, nicht erst zwischen 2005 und 2009, in der großen Koalition unter Merkel, Atemnot bekommen, sondern in den rot-grünen Jahren. Damals entfremdeten die Hartz-Reformen ihr die Kernklientel; davon hat sie sich, der Wahlsonntag hat’s gezeigt, bis heute nicht erholt.

Die Betteltour der FDP war ihr eigenes Problem

Und was die starken Männer der Christdemokratie angeht, die Merkel angeblich auf dem nicht vorhandenen Gewissen hat, so haben die sich selbst aus dem Spiel genommen. Friedrich Merz, der als erstes Opfer der CDU-Chefin gilt, glaubte, es genüge, sich mit dem bayerischen Männerfreund Edmund Stoiber zu verabreden, um seinen Job als Fraktionschef zu sichern. Und merkte nicht, dass Merkel gar nicht anders konnte als ihn zu übernehmen. Nicht weil’s Mutter Natur befahl – Schwarze Witwe! –, sondern weil Parteichefin keine ausreichende Basis für eine Oppositionschefin ist.

Hessens früherer Ministerpräsident Roland Koch, ihr angeblich nächstes Opfer, war im Unterschied zu Merz rational genug zu sehen, dass er mit dieser Frau absehbar wenig Chancen haben würde, selbst noch Kanzlerkandidat zu werden. Und suchte sich gut bezahlten Ersatz in der Wirtschaft.

Und die FDP? Hat vermutlich, ganz ohne Nachhilfe der präsumptiven Königsboa, vier Jahre lang einfach zu viele Fehler gemacht. Sie startete 2009, ziemlich selbsttrunken angesichts eines Spitzenergebnisses, in die Legislatur, leistete sich dann Gefälligkeiten für die Hotelbranche und schloss die vier Jahre mit einer Betteltour um Wahlhilfe ab. Beim Altkanzler in Oggersheim wohlgemerkt.