Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour hat seiner Partei indirekt "routiniert organisierte Verantwortungslosigkeit" vorgeworfen und fehlende Programmdebatten moniert: "Es ist höchste Zeit zurückzukehren zum harten Streit in der Sache." Geschlossenheit sei zum zentralen Prinzip in seiner Partei geworden, schreibt der Sicherheitspolitiker, der mehrere Jahre Vorstandsmitglied der Grünen war, in einer Analyse zur Bundestagswahl. Nouripour veröffentlichte sie in der Nacht zu Sonntag unter dem Titel Wider die Grüne Gegenzeichnung auf seiner Homepage.

Der Politiker kritisierte auch schwere Fehler seiner Partei im Wahlkampf: "Wir haben uns zur Verbotspartei etikettieren lassen, weil wir tatsächlich als moderne Lehrer Lämpel aufgetreten sind. Nicht der Veggie-Day war im Wahlkampf unser Problem, sondern unsere besserwisserische Anmutung, die sich durch fast alle Teile unseres Programms und den Habitus unseres öffentlichen Auftretens zog." Der Spitzenkandidat der Partei (Jürgen Trittin) sei ohne Dreiteiler nicht mehr anzutreffen gewesen, "das Wahlprogramm wurde einstimmig verabschiedet, die Inszenierung war perfekt". Doch Geschlossenheit sei kein Selbstzweck.

Die Grünen hätten vor der Bundestagswahl 2013 doppelt versagt, meint Nouripour. "Wir müssen die beiden größten Spannungsfelder unseres Programms endlich systematisch bearbeiten: Die Balance zwischen Ökologie und Sozialem und die Balance zwischen Freiheit und Verantwortung." Es habe kein stimmiges und realistisches Wahlprogramm gegeben, "sondern ein(en) Flickenteppich, der nur noch wenig mit den Problemen der Menschen zu tun hat". Als Beispiele nennt Nouripour die grüne Steuerpolitik und das Hochwasser im Frühsommer.

Neue Ideen würden als "ungrün" abgestempelt

Der Vertreter des Realo-Flügels attackiert auch die interne Diskussionskultur: "Wer eingebunden ist, muss zum Ergebnis schweigen." Die Prinzipien "Gehörtwerden, Rede und Gegenrede" sowie "Inhaltsstreit" seien oft zu kurz gekommen. "Wer gegen den Konsens der Gegenzeichnung, wer mithin gegen den Korpsgeist der Partei verstößt, muss damit rechnen, persönlich angegriffen und gleichsam in die Ecke gestellt zu werden." Neue Ideen würden als "ungrün" abgestempelt. Die Grünen müssten zu einer "Diskussionskultur des offenen Visiers" zurückfinden und jetzt programmatische Kärrnerarbeit leisten

Grünen-Parteichef Cem Özdemir sagte indes in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Mit dem Steuerwahlkampf haben wir viele vergrault." Die Kandidatin für den Grünen-Fraktionsvorsitz, Kerstin Andreae, sagte demselben Blatt, Steuererhöhungen seien auch für ihre Partei kein Selbstzweck: "Wenn es andere Möglichkeiten gibt, die anstehenden Aufgaben wie die Energiewende oder Infrastrukturprojekte zu finanzieren, sind sie uns willkommen."