Der Tag, an dem SPD und Union nach allgemeiner Erwartung der Großen Koalition ein Stück näher kommen wollen, ist ein sonniger Herbsttag. Der Himmel ist blau, das Laub leuchtet gelb als die Vertreter der Unionsdelegation am Montagnachmittag durch die imposante Flügeltür der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin rauschen. 

Die SPD-Vertreter vermeiden diesmal das Schaulaufen vor den Kameras. So bleibt ihnen erspart, wie beim vorigen Mal womöglich an verschlossenen Türen klingeln zu müssen – ein sehr ungünstiges Symbol für eine Partei, die doch vor allem Selbstbewusstsein demonstrieren möchte.

Das Wetter scheint zur Stimmung zu passen: Hat doch CSU-Chef Horst Seehofer noch vor Beginn der Gespräche erneut deutlich gemacht, dass er einer Großen Koalition klar den Vorzug vor Schwarz-Grün geben würde. Und die Medien vermelden bereits eine Annäherung beim Mindestlohn, einem der Herzensanliegen der SPD. In der Union mehren sich nämlich die Stimmen derjenigen, die bereit sind, sich auf eine flächendeckende einheitliche Lohnuntergrenze einzulassen, auch wenn noch offen ist, wie diese zustande kommen soll. 

Sehr viel Nüchternheit

Doch als die Verhandlungstüren sich nach mehr als acht Stunden – also um Mitternacht – wieder öffnen, ist es draußen dunkel, und auch die großkoalitionäre Wetterlage hat sich deutlich eingetrübt. "Dies wird die Woche der Klarheit", verspricht CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt zwar, als er schließlich unter der gläsernen Kuppel des Reichstags vor die Presse tritt, doch vorerst sei "noch einiges an Nebel vorhanden".

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die direkt nach ihm dran ist, wirkt noch weit deutlicher ernüchtert. Und das dürfte nur zum geringsten Teil daran liegen, dass es anders als 2005 "echt gar nix" Alkoholisches zu trinken gab. Stattdessen mussten die möglichen Koalitionäre mit Kürbissuppe, Buletten und einem angeblich versalzenen Kartoffelsalat vorlieb nehmen.

Auch daran, dass die Verhandlungen teilweise recht heftig geführt wurden, stört sich Nahles kaum. "Es war schon manchmal kribbelig", gibt die Generalsekretärin zu. Aber das sei doch normal. Tatsächlich soll Dobrindt so sehr in Rage geraten sein, dass er gemeinsam mit Kanzleramtsminister  Ronald Pofalla zeitweise den Raum verließ. Man müsse, sagt Dobrindt, ja auch mal die Belastbarkeit einer künftigen Koalition austesten.  

Enttäuscht ist man auf SPD-Seite jedoch von der mangelnden Bereitschaft der Union bereits erste konkrete Zugeständnisse zu machen. Zum jetzigen Zeitpunkt könne sie dem am  Sonntag tagenden Parteikonvent die Aufnahme von Koalitionsgesprächen nicht empfehlen, sagt Nahles. "Wir sind bei den Knackpunkten nicht wesentlich weiter gekommen", heißt es auch aus SPD-Verhandlungskreisen.  

Gabriel an Merkels Kette

Sowohl Union als auch SPD betonen, dass man zwar sehr intensiv über eine Vielzahl von Themen diskutiert habe. Die Palette reichte von Europa über Energiepolitik und Zukunftsinvestitionen bis zu Fragen der Finanzpolitik und des Arbeitsmarktes. Dabei seien Schnittmengen deutlich geworden, aber auch die Differenzen. Als Beispiele für Letzteres benennt Nahles den Mindestlohn und die Frage der Steuererhöhungen.

Das eigentliche Problem besteht aber wohl darin, dass die Union sich dem Wunsch der SPD verweigerte, schon vor der Aufnahme von Koalitionsgesprächen Zugeständnisse zu machen. Dabei, argumentiert die SPD, bräuchte sie diese dringend, wenn der Parteikonvent sein Plazet zu Koalitionsverhandlungen geben soll.

Am Nachmittag hatten ein paar Demonstranten vor dem Reichstag anschaulich dargestellt, wie viele SPD-Mitglieder eine Neuauflage der Großen Koalition bewerten. Einer von ihnen trug eine riesige Gabriel-Maske. Er hing an der Kette einer Merkel-Figur. Der SPD-Chef braucht dringend einen Beleg dafür, dass es so nicht kommen wird.

Doch der Union scheint das egal zu sein. Gröhe und Dobrint geben sich in dieser Frage eisern: "Entschieden wird am Ende von Koalitionsverhandlungen, nicht am Anfang", lautet ihre Devise auch nach der zweiten Sondierungsrunde.

Setzt die Union also heimlich vielleicht doch eher auf ein schwarz-grünes Bündnis? Selbst Seehofer betont nach der zweiten Gesprächsrunde mit der SPD, nun wolle man erst einmal die für Mittwoch angesetzten Gespräche mit den Grünen abwarten.  

Dritte Sondierungsrunde - nur mit wem?

Doch eigentlich ist dies nur eine Selbstverständlichkeit. An den grundsätzlichen Bedenken in der Union gegen Schwarz-Grün hat sich schließlich nichts geändert. Mit der Öko-Partei hätte man viele ähnliche Probleme wie mit der SPD, in Energiefragen sogar noch ein paar mehr. Das Hauptproblem allerdings besteht darin, dass man bei Themen, bei denen der Bundesrat mitredet, ohnehin auf die SPD angewiesen wäre.

Für den Donnerstag haben Unionsvertreter nun eine dritte Sondierungsrunde angesetzt. Ob an diesen Gesprächen die Grünen oder die SPD teilnehmen werden, ließ Gröhe bewusst offen. "Schau mer mal", heißt derzeit die Devise. Doch so oder so: Gegen Ende der Woche sollte der Nebel sich gelichtet haben.