Kurz vor Beginn des Sondierungsgesprächs mit der Union hat Grünen-Politiker Jürgen Trittin die Flüchtlingspolitik von CDU und CSU kritisiert. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) habe angesichts der Toten beim Bootsunglück vor Lampedusa mehr Härte gegen Flüchtlinge gefordert. "Das ist dermaßen ein Abgrund an Zynismus – das ist kaum zu übertreffen", sagte Trittin dem Sender N24. Er ist Teil der Grünen-Delegation, die mit CDU und CSU am Nachmittag die Chancen für eine Koalition auslotet.

CSU-Chef Horst Seehofer schloss nicht aus, das es noch ein zweites Sondierungstreffen geben werde. "Ich kann jetzt nichts sagen, ich weiß nicht, was die präsentieren", sagte Seehofer .

Nach führenden CDU-Politikern signalisierte auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) den Grünen in der Flüchtlingspolitik Entgegenkommen. "Dass es auch der Union, auch übrigens der CSU darum geht, Menschen, die in Seenot sind, wie vor Lampedusa , dass man die nicht einfach dem Tod überlässt, das ist völlig eindeutig. Da wird die Union auch jede Anstrengung machen", sagte Beckstein.

Der CDU-Vizevorsitzende Armin Laschet und die im Kanzleramt für die Flüchtlingspolitik zuständige Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) verlangten in der Süddeutschen Zeitung einen besseren Schutz für Migranten. "Das Mittelmeer darf nicht weiter ein Massengrab für Flüchtlinge sein", sagte Böhmer. Dafür müssten "jetzt alle Kräfte mobilisiert werden".

Laschet forderte, die europäische Grenzsicherungsbehörde Frontex stärker in die Pflicht zu nehmen. " Frontex muss künftig seine zweite Aufgabe, die Rettung von Menschenleben, viel stärker betonen", sagte er. 

Bosbach bezeichnet Grünen-Kritik als polemisch

Vizefraktionschef der Union Michael Fuchs (CDU) unterstützte die Position von Innenminister Friedrich. Die Bundesrepublik biete 23 Prozent aller Flüchtlinge eine Unterkunft, die nach Europa kommen: "Viel mehr kann auch Deutschland nicht leisten", sagte er in der ARD. Stattdessen müsse dafür gesorgt werden, dass diese in "ihren Ländern aufgehoben bleiben und sich aufgehoben fühlen".

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach wies die Kritik an Friedrich zurück. "Die Kritik ist sachlich ungerechtfertigt und in einem hohen Maße polemisch, weil die Grünen nicht mitteilen, wie die Zuwanderungsregeln ganz konkret geändert werden müssten", sagte er der Zeitung Die Welt.

Neben der Flüchtlingspolitik nannte Trittin weitere Schwierigkeiten für eine schwarz-grüne Koalition: "Zum Beispiel in der Frage der Energie-, der Klima- und auch der Europa-Politik sind die Widersprüche doch sehr deutlich", sagte er NDR Info. Der frühere Grünen-Fraktionschef warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, europäische Obergrenzen für den Spritverbrauch zu hintertreiben. "Selbst ein Kompromiss, den der größte europäische Automobilhersteller Volkswagen mittragen kann, wird von Merkel akut sabotiert", sagte er.

Palmer: "Schwarz-Grün jetzt noch nicht möglich"

Auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sieht die Zeit für Schwarz-Grün noch nicht gekommen. "Wir haben uns im Wahlkampf so sehr auf die SPD festgelegt und auch inhaltlich gegenüber der CDU so scharf abgegrenzt, dass es jetzt eine 180-Grad-Kehre bedeuten würde, mit der CDU zu koalieren, es sei denn, die CDU verändert massiv ihre programmatischen Aussagen", sagte Palmer dem Deutschlandfunk . "Ich würde Schwarz-Grün sicher besser finden als Rot-Rot-Grün. Aber als Realist, der ich nun mal bin, sage ich, Schwarz-Grün ist bei dieser Wahl noch nicht möglich."

Nordrhein-Westfalens stellvertretende Ministerpräsidentin, Sylvia Löhrmann (Grüne), versicherte im Südwestrundfunk, es werde ernsthaft verhandelt – auch darüber, ob die Steuern erhöht werden sollen. Die Gespräche am Nachmittag seien "keine Showveranstaltungen". Löhrmann sprach sich dafür aus, auch ein rot-rot-grünes Bündnis zu sondieren. "Dazu müsste aber die SPD die Initiative ergreifen", sagte die Grünen-Politikerin.