An der Basis der Grünen überwiegen die kritischen Stimmen gegenüber Schwarz-Grün im Bund. Es gibt aber auch Forderungen nach ernsthaften Gesprächen mit der Union. "Wir haben viele kritische Rückmeldungen aus den Kreisverbänden erhalten", sagte der niedersächsische Landeschef Jan Haude. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann würde eine Koalition befürworten: "Auch in schwieriger Lage muss jemand Verantwortung übernehmen und das Land regieren", sagte er der Südwestpresse . "Dieser Herausforderung müssen wir uns mit allem Ernst stellen." Kretschmann nimmt am heutigen Donnerstag für die Grünen an dem Sondierungstermin mit der Union in Berlin teil. 

"Wenn die gemeinsame Basis reicht, wäre Schwarz-Grün eine Chance. Das müssen wir aber eruieren", sagte er weiter. Allerdings sei eine Koalition nur machbar, "wenn grüne Kernbereiche wie ökologische Modernisierung der Wirtschaft oder die Öffnung zu einem Einwanderungsland klar erkennbar abgebildet sind. Sonst macht es keinen Sinn."

Grünen-Chef Özdemir zeigte sich vor den Gesprächen zurückhaltend: "Wir hören uns das sehr genau an und schauen, inwieweit das mit unseren Positionen zusammenpasst", sagte Özdemir der Rheinischen Post . Er wolle "das Gespräch so führen, dass wir anständig miteinander umgehen – nicht nur heute, sondern auch in Zukunft." Es gehe auch um die politische Kultur. "Wir haben vorher gesagt, dass demokratische Parteien miteinander gesprächsfähig sein müssen, und genau das setzen wir hier um. Von einem Dialog hin zur Zusammenarbeit ist es allerdings ein weiter Weg, das ist auch klar", sagte Özdemir.  

Einige Unionspolitiker signalisierten Entgegenkommen für ein schwarz-grünes Bündnis. Etwa in der Debatte über die Flüchtlingspolitik, die die Grünen in den heutigen Gesprächen zu einem zentralen Thema machen wollen. Der CDU-Vizevorsitzende Armin Laschet und die im Kanzleramt für die Flüchtlingspolitik zuständige Staatsministerin Maria Böhmer ( CDU ) verlangten in der Süddeutschen Zeitung einen besseren Schutz für Migranten. "Das Mittelmeer darf nicht weiter ein Massengrab für Flüchtlinge sein", sagte Böhmer. Dafür müssten "jetzt alle Kräfte mobilisiert werden".

Die Katastrophe von Lampedusa müsse "zu Änderungen führen", forderte Böhmer. Es sollten alle Möglichkeiten ausgelotet werden, "damit Flüchtlinge in ihren seeuntüchtigen Booten nicht mehr zu Tode kommen". Sie kritisierte insbesondere die EU-Grenzschutzagentur Frontex . Diese sei seit 2011 gehalten, Menschen in Seenot zu helfen. "Unser Eindruck ist aber, dass dies nicht in ausreichendem Maß geschieht", sagte die Staatsministerin. Die "Schnelligkeit und die Möglichkeiten" von Frontex müssten verbessert werden.

Auch Laschet verlangte eine Neujustierung der Aufgaben von Frontex. "Frontex muss künftig seine zweite Aufgabe, die Rettung von Menschenleben, viel stärker betonen", sagte der Parteivize. "Wenn Menschen in Not sind und ums Überleben kämpfen, kann man nicht über Asylregeln diskutieren – dann muss man retten." Allerdings wies Laschet Kritik der Grünen an der Haltung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ( CSU ) zurück, der eine Änderung der EU-Flüchtlingspolitik oder die Aufnahme von mehr Asylbewerbern abgelehnt hatte.

Die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt sagte der Welt , Deutschland werde seiner humanitären Verantwortung gerecht. "Wer anderes sagt, verdreht die Realität." "Es braucht ein gemeinsames Vorgehen bei der Aufnahme von Flüchtlingen", sagte Hasselfeldt. Es müsse aber auch klar sein, dass es nicht Aufgabe Deutschlands oder der EU sein könne, "alle Menschen aufzunehmen, denen es nicht so gut geht wie den Menschen hier." Ziel müsse es vielmehr sein, "die Fluchtgründe in den Heimatländern abzubauen".