Diese Harmonie! Schon kurz nach Beginn der dritten und letzten Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD lag ein Hauch von Großer Koalition in der Luft: SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, angeblich eine große Skeptikerin dieses Bündnisses, zeigte sich auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft  – scherzend mit CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und Noch-Verkehrsminister Peter Ramsauer. Kraft und Dobrindt, die noch bei der letzten Sitzung am Montag heftig aneinander geraten waren, gaben sich vor den Fotografen sogar einen demonstrativen Handschlag.

Als Unionsfraktionschef Volker Kauder anschließend in der internen Sitzung betonte, die SPD-Frau und der CSU-Mann sollten sich doch endlich aussöhnen, sagte Kraft: "Wir haben es längst gemacht – auf dem Balkon." Das jedenfalls berichtete ihr ehemaliger Widersacher Dobrindt im Anschluss den wartenden Journalisten: "Ich habe dazu geschwiegen. Aber es stimmt." Am frühen Dienstagmorgen noch hatte der Bayer bestritten, dass Kraft ihm nach stundenlangen Verhandlungen gegenüber laut geworden war, als es um die Familienpolitik und das Betreuungsgeld ging.

Sowieso schien diese zweite, zähe Sondierungsrunde vom Wochenbeginn am Donnerstag in weite Ferne gerückt. Während damals nach einem nächtlichen Gesprächsmarathon die Gesichter bei Union und vor allem der SPD lang waren, überwog am Donnerstag der Harmoniewille. Angela Merkel erschien gar im leuchtend roten Sakko und mit schwarzer Hose zu den Gesprächen mit der SPD. 

Wenig besprochen

Die Großkoalitionäre in spe schienen in großer Runde nicht mehr allzu viele Details zu regeln zu haben. Als sich die großen Holzflügeltüren zur Parlamentarischen Gesellschaft im Regierungsviertel schlossen, zogen sich Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel erst einmal zu einem Chef-Gespräch zurück.          

Als Kraft und Dobrindt sich dann auf dem Balkon versöhnt und Kanzleramtschef Ronald Pofalla seine Zigarette geraucht hatte, wurde auch in der 21-köpfigen großen Runde noch ein bisschen geredet. Offenbar eher allgemeiner Natur: Über die Herausforderungen für Deutschland in den kommenden Jahren. Der umstrittene Mindestlohn, so ist zu hören, sei nicht im Detail besprochen worden. Nach anderthalb Stunden schließlich zogen sich wiederum die Sozialdemokraten zurück, um alleine zu beraten.

Schon um 16.00 Uhr verkündete SPD-Chef Sigmar Gabriel den wartenden Journalisten das Ergebnis: Die SPD-Führung habe eine "gemeinsame Basis" mit der Union festgestellt.  "In allen strittigen Fragen können wir Ergebnisse finden, die dem Land und den Menschen dienen." Einstimmig sei das Votum in der Verhandlungsdelegation gewesen, auch Skeptikerin Kraft stimmte demnach für Koalitionsverhandlungen: "Det war's", rief Gabriel noch und trat ab. Details, zum Beispiel zum Mindestlohn, werde man erst in den Koalitionsverhandlungen besprechen, die – die Zustimmung aller Parteigremien vorausgesetzt – schon am Mittwoch beginnen sollen.