Am Morgen danach sind die Gegner merkwürdig still. Der Koalitionsvertrag ist fertig, jetzt wäre die Stunde derjenigen gekommen, die in der SPD schon immer gegen ein Bündnis mit der Union waren. Sie könnten meckern, Stimmung machen und Stimmen mobilisieren für das Mitgliedervotum, in dem ihre Partei über den Koalitionsvertrag abstimmt. Der Wahlkampf in der SPD, eigentlich hätte er heute beginnen müssen.

Doch es gibt gerade niemanden, der Wahlkampf gegen die Große Koalition macht. Viele Gegner sind übergelaufen oder schweigen.

Ralf Stegner, der Sprecher der Linken im Parteivorstand und Landeschef in Schleswig-Holstein, erklärt schon am Morgen im Fernsehen, wie gut dieser Vertrag für die Partei ist. Sein Berliner Kollege Jan Stöß, auch ein Linker, sagt, es gebe "gute Gründe, um dem Koalitionsvertrag zustimmen zu können, auch wenn Schwarz-Rot im Bund nicht unsere Wunschkoalition ist". Stegner und Stöß gehören zu denjenigen, die am Wahlabend von der Großen Koalition wie von einer biblischen Plage sprachen und sich in die Opposition wünschten. Damals hatte übrigens auch Kanzlerkandidat Peer Steinbrück noch gesagt: "Ich würde meiner Partei raten, nicht für eine Große Koalition zur Verfügung zu stehen, sondern in die Opposition zu gehen." Auch das: egal jetzt. Vergessen gemacht durch wochenlange Verhandlungen, durch Parteitage, auf denen die Spitzen (auch Steinbrück) für die Große Koalition warben, durch die zahllosen gemeinsamen Auftritte der Generalsekretäre. Und: vergessen gemacht durch die Erfolge der SPD in den Verhandlungen.

Mindestlohn, Doppelpass, mehr Investitionen, Mindestrente: All das waren Kernforderungen der SPD, all das soll nun umgesetzt werden. Nicht sofort und in Reinform, aber immerhin.

Erst einmal in Ruhe lesen

Hilde Mattheis war lange eine der erbittertsten Gegnerinnen der Großen Koalition. Sie stimmte sogar im Parteivorstand dagegen, überhaupt mit der Union zu sprechen. "Ich kann den Weg zu einer Großen Koalition noch nicht erkennen", sagte sie damals ZEIT ONLINE. Und kurz vor der Wahl erklärte sie noch, aus ihrer Sicht sei ein Bündnis mit der Union "die schwierigste aller möglichen Konstellationen".

Was ist davon übrig? "Ich weiß noch nicht, ob ich dem Vertrag zustimmen werde", sagt Mattheis jetzt. "Meine Abschlussbewertung steht noch nicht fest." Sie will nun erst einmal in Ruhe lesen.

Das sagen viele Sozialdemokraten, und es ist natürlich legitim, einerseits. Andererseits entscheiden auch sie ja nicht auf Grundlage von 180 Seiten voller Floskeln und Absichtserklärungen, sondern anhand der entscheidenden Knackpunkte. Und die sind bekannt.

Wer sich dabei nun wie durchgesetzt hat, ist freilich Auslegungssache. Der Kampf um die Deutungshoheit begann sofort. Die SPD verbreitete eine Checkliste, auf der sie zeigt, welche Forderungen sie umgesetzt habe.   

Wenig später konterte die Linkspartei mit einer eigenen Liste, die aufzählte, welche Wahlversprechen die SPD alle gebrochen habe. 

Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen. Es kommt darauf an, wie man die Details des Vertrags interpretiert: Dass der Mindestlohn erst 2015 kommen soll und das Ausnahmen möglich sein werden, kann für manche schon Grund genug sein, das Ergebnis als Misserfolg zu werten. Wenn man das denn will.