1.) Die ersten schwarz-grünen Knospen in Hessen! Noch ist keine der Knospen recht aufgebrochen, doch schon zeigt sich eines: Kaum hat die SPD der Linkspartei Avancen in Aussicht gestellt, schon brechen die Grünen aus dem sicher geglaubten rot-grünen Sockel aus, ohne den das Techtelmechtel mit der Linkspartei steril bleiben muss. Dabei liebäugelt die SPD erst fürs nächste Mal mit der Linkspartei. Sie tut derzeit so, als könne man der eigenen Familie eine garstige Braut gefällig machen, indem man verrät, wen man als nächstes heiraten möchte.

2.) Derweil steuern die Koalitionsverhandlungen zwischen der Union und der SPD gegen Wochenmitte auf die erste ernste Etappe zu, auf die Paraphierung eines Koalitionsvertrages. Der könnte aber noch scheitern oder zumindest vertagt werden. Denn die SPD hat den Mund so voll genommen, dass der Widerstandsgeist in der Union erwacht ist. In der Union wächst das Bewusstsein dafür, dass man nicht auf Gedeih und Verderb auf die SPD angewiesen ist und dass es noch andere Optionen gibt. Neuwahlen werden wenigstens im Hinterkopf nicht ausgeschlossen.

3.) Angenommen, es gibt dennoch einen Koalitionsvertrag. Dann kehrt sich die verbale Kraftmeierei Gabriels, mit der er seine eigene Schwäche verdecken wollte, gegen den SPD-Vorsitzenden. Die Union müsse jetzt liefern, hatte Gabriel getönt. Aber von nun an ist er es, der liefern muss: nämlich erstens einen ansehnlichen Koalitionsvertrag und zweitens ein positives Votum des SPD-Mitgliederentscheids.

Der selbsternannte Schulmeister der SPD, Günter Grass, hat allerdings bereits dröhnend den Daumen gesenkt, nicht nur über eine Große Koalition, sondern im Grunde auch über die ganze SPD-Führung. Den Schlamassel, der einem negativen Mitgliedervotum folgen würde, mag man sich gar nicht ausdenken. Auch nicht den Fall, dass zu wenige SPD-Mitglieder an der Befragung teilnehmen. Gut vorzustellen, dass mancher SPD-Grande sich im Stillen sagt: Könnten wir doch lieber die Koalitionsgespräche gleich scheitern lassen, um uns (und Günter Grass) das zu ersparen.

4.) Der feierlich wiedergewählte CSU-Chef Seehofer, der von sich behauptet, er habe die Große Koalition als erster gewollt, holt sich derweil den Euro-Gegner Gauweiler in den CSU-Vorstand. Der klagt gegen die Politik der Union und der Kanzlerin Merkel in Karlsruhe und Seehofer will mit ihm nun der Alternative für Deutschland das Wasser abgraben. Während sich die AfD rechtsradikaler Avancen erwehren muss, lässt der CSU-Chef der Kanzlerin und einer wie immer gearteten Koalition in der zentralen Europa-Politik gegen das Schienbein treten.

5.) Da möchte man wenigstens hoffen, dass Gabriel seinen Mitgliederentscheid übersteht. Denn sonst würde seine verfassungspolitische Torheit ganz offenbar: Bei einem negativen Mitgliedervotum wäre es nämlich das erste Mal in unserer Geschichte, dass sich die Abgeordneten einer Fraktion ihr Recht, als frei gewählte und unabhängige Abgeordnete über Regierungsbildung und Gesetzgebung zu befinden, durch ein imperatives Mandat abschnüren lassen. Man lese nur einmal den Artikel 38 des Grundgesetzes nach! Die Schlauheit eines Vorsitzenden ist eben noch nicht die Klugheit eines Staatsmannes.

6.) Ach, und die FDP, der manche nun nachtrauern, die sie zuvor in Grund und Boden geschrieben hatten: Sie zerlegt, als Vorstufe zum Wiederaufstieg, erst einmal ihren verbliebenen Rest. Sie hat größte Schwierigkeiten, die Saalmiete für ihr nächstes Dreikönigstreffen in Stuttgart aufzubringen, die ordnungspolitisch und also liberal, korrekt an die Marktmiete angepasst wurde. Die Wüste lebt also und die Parteienlandschaft auch. Aber nur in der Wüste gibt es keine Sumpfblüten.