Irgendwann wird es Horst Seehofer doch zu bunt. Seit Minuten beklatschen seine CSU-Delegierten in der Münchner-Messehalle jetzt schon die schwarz-rot gewandete Frau neben ihm. Jetzt will er endlich mal was sagen, er hat sich doch so was Schönes ausgedacht. 

"Heute ist der 22. November 2013", beginnt er todernst. "Vor acht Jahren war der 22. November 2005." Nicht nur Angela Merkel macht da ein ziemlich indigniertes Gesicht. Was hat dieser Meister der Unberechenbarkeit sich jetzt wieder ausgedacht? "An diesem Tag wurde Angela Merkel erstmals zur Bundeskanzlerin gewählt." Erleichterung, Applaus im Saal, nur die CDU-Chefin scheint ihre Mimik ausnahmsweise nicht vollständig unter Kontrolle zu haben. Was sich da Bahn bricht, sieht aus wie echte Rührung. Dass Seehofer dann noch erklärt, sie habe sicher erst die Hälfte ihrer Amtszeit hinter sich, ist eigentlich gar nicht mehr nötig.

Die CSU hat Parteitag, wieder mal. Dass Merkel dort ein Grußwort hält, gehört fest zum Programm. Doch so lieb wie nach diesem triumphalen Wahljahr hatten sich die beiden Parteichefs und die CSU die CDU-Vorsitzende wohl noch nie.

Der Gegensatz zum SPD-Parteitag am vergangenen Wochenende könnte nicht größer sein. Hier hat niemand Anlass zu langwieriger Selbstzerknirschung. Hier soll heute eine Party steigen. "Parteitag der anderen Art" nennt Seehofer das, der sich am Samstag erneut zum Vorsitzenden wählen lassen wird.

Angela Merkel spürt diese Stimmung. So locker und gut gelaunt, aber auch ironisch hat man die Kanzlerin selten erlebt. "Lieber Horst Seehofer", sagt Merkel in ihrer Ansprache, "Du hast im letzten Jahr versprochen, die CSU werde ein schnurrendes Kätzchen sein, und ich muss sagen, Du hast weitestgehend Wort gehalten."  

Kein Fan des Betreuungsgeldes

In ironischer Weise geht Merkel auf die Differenzen ein, wegen derer sich CDU und CSU einst harte Kämpfe geliefert haben. "Ich war nie ein Fan des Betreuungsgeldes", bekennt Merkel. Dieses habe ihr der ehemalige CSU-Chef Edmund Stoiber abgetrotzt. Der weißhaarige Grandseigneur der Partei sitzt in der ersten Reihe und lächelt geschmeichelt. Natürlich fügt Merkel dann noch hinzu, dass sie später doch fast ein Fan des Betreuungsgeldes geworden sei. Denn Wahlfreiheit, klar, das ist wichtig. Und natürlich werde die Union bei den anstehenden letzten Koalitionsgesprächen mit der SPD "Nein zur Abschaffung des Betreuungsgeldes" sagen, verspricht sie.

Zu einem anderen Punkt hat sie zwar nur ein halbes Versprechen mitgebracht, aber dafür eine ziemlich lustige Formulierung. In den Koalitionsverhandlungen werde sie auch dafür sorgen, dass "nicht-inländische Kraftfahrzeughalter" an den Kosten für die Verkehrsinfrastruktur beteiligt werden. Vorausgesetzt allerdings, dass deutsche Halter nicht belastet und Europarecht eingehalten würden. Bedenkt man, dass Merkel sich im Wahlkampf mit der Aussage "mit mir wird es keine Pkw-Maut geben" eigentlich auf das Gegenteil festgelegt hatte, ist das kein kleines Geschenk. 

Da verzeihen die Delegierten ihr glatt, dass Merkel gleich zu Beginn den CSU-Chef als "Horst Dobrindt" begrüßt hat und vielleicht auch, dass ihr bei der Nennung berühmter Deutscher als erstes Karl Marx einfällt. Kindheit ist eben doch prägend.    

Debatte entfällt

Auch ohne Merkels halbes Pkw-Maut-Versprechen scheinen die Delegierten im Übrigen mit dem Verlauf der Koalitionsgespräche ziemlich zufrieden gewesen zu sein. Die Debatte über den Leitantrag, in dem die CSU ihre Positionen für die Verhandlungen mit der SPD noch einmal festgeklopft hat, entfällt jedenfalls. Es gibt schlicht keine Wortmeldungen. So wird der Antrag ohne Aussprache einstimmig angenommen. Offensichtlich reicht den Parteimitgliedern die Zusicherung von CSU-Generalsekretär Dobrindt, der Koalitionsvertrag werde mit "sehr viel weißblauer Tinte" geschrieben werden.

Seehofer scheint so viel Ruhe fast ein wenig peinlich zu sein. "Wir brauchen keine Wortmeldungen, weil wir in unseren Gremien schon so viel diskutiert haben", verteidigt er das Schweigen.

Weil das Parteivolk durchaus nicht diskutieren will, füllt Seehofer die Lücke am Nachmittag mit einer Stegreifrede. Das gibt ihm auch Gelegenheit, einen ganz persönlichen Triumph auszukosten: Haben doch die Gesundheitspolitiker in Berlin sich just an diesem Morgen darauf geeinigt, die Zusatzbeiträge, die Krankenkassen erheben können, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen, künftig wieder einkommensabhängig zu gestalten. "Das ist sozialpolitisch ein großer Vorteil", verkündet Seehofer strahlend.