Wenn sich das gefühlt komplizierteste Bündnis aller Zeiten zum Endspurt trifft, ist eines schon mal gesichert: Es wird dauern. "Ich richte mich auf eine sehr lange Nacht ein, ich habe die Zahnbürste eingepackt", ruft CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt am Dienstagmittag den wartenden Kameras zu, als er das Willy-Brandt-Haus betritt. Dobrindt sollte recht behalten. Ob die Zahnbürste allerdings zum Einsatz kam, bleibt zunächst ungeklärt. 

Einen Tag und eine Nacht – 17 zähe Stunden haben Union und SPD in der Berliner Parteizentrale der Sozialdemokraten getagt. Am frühen Mittwochmorgen steht dann endlich der Koalitionsvertrag. Um sechs, es ist noch dunkel, tritt eine fröhliche SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles vor das Willy-Brandt-Haus. Lange und schwierig seien die Verhandlungen gewesen, sagt sie. Aber die Sozialdemokraten hätten sich durchgesetzt.

Vor allem beim Mindestlohn, bei der abschlagfreien Rente mit 63 und beim Wegfall der Pflicht für in Deutschland geborene Migranten, sich bis zum 23. Lebensjahr für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Auch der SPD-Linke Ralf Stegner, der eigentlich lieber unauffällig aus der Parteizentrale huschen will, bestätigt: "Wir haben eine Menge erreicht. Ich glaube, dass das Ergebnis dem entspricht, was wir uns vorgenommen haben."

Aus der SPD wird kolportiert, die sozialdemokratischen Teilnehmer der großen Verhandlungsrunde hätten mit anerkennend-staunendem "Raunen" reagiert, als ihnen die Verhandlungsführer gegen fünf Uhr in der Frühe das Ergebnis präsentierten. Bereits zuvor sei das Arbeiterlied Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’ angestimmt worden. Aber auch in der Union ist man stolz: Keine Steuererhöhungen, dafür feiert sich vor allem die CDU. Die Pkw-Maut, darüber ist vor allem die CSU froh.  

15 Politiker haben die Details allein ausgehandelt

Vergessen haben sie da in der großen Runde der 77 Koalitionsverhandler angeblich bereits auch, dass die meisten von ihnen zehn Stunden lang weitgehend tatenlos in der SPD-Zentrale gesessen haben. Denn das, was an diesem Morgen als Koalitionsvertrag präsentiert wird, ist tatsächlich das Ergebnis zäher Verhandlungen der sogenannten kleinen Runde – bestehend aus Parteivorsitzenden, Generalsekretären, Fraktionsvorsitzenden und weiteren wichtigen Politikern von Union und SPD. 15 Personen. Sie hatten die entscheidenden Beschlüsse bis zuletzt ganz alleine vorbereitet.

Als die Verhandlungen der Runde im Willy-Brandt-Haus am Dienstagmittag beginnen, ist die große Runde der 77 noch für 19.30 Uhr zur Entscheidungsfindung geladen. Obwohl über den Tag die ersten Einigungen vom Vorabend bekannt werden, zum Beispiel bei der Pkw-Maut – bald ist klar: So schnell wie gewünscht kommt man doch nicht voran. Die große Runde muss warten. Sie soll den Koalitionsvertrag zwar final absegnen, auch aus integrativen Gründen, weil zahlreiche Ministerpräsidenten und Ländervertreter vor allem der SPD in die Entscheidung eingebunden – und so diszipliniert – werden sollen. Doch die Chefs wollen die Lösungen in der kleinen Runde finden, dort verhandelt es sich leichter.

Die Verstoßenen fügen sich ihrem Schicksal. In der 6. Etage der SPD-Zentrale werden Sessel zusammengeschoben, um bei Bier das Champions-League-Spiel Dortmund gegen Neapel zu verfolgen. Für den "menschlichen Zusammenhalt in der Koalition" sei die Warterei durchaus gewinnbringend, betont der CDU-Politiker Peter Hintze, der sich überraschend gut mit SPD-Vorstandsmitglied Ralf Stegner unterhalten haben will. Hintze fährt im Laufe des Abends dann aber doch lieber noch nach Hause. Er ahnt: Es wird lange dauern und er hat als einfacher Verhandlungsteilnehmer eh nicht so viel zu sagen.