75 Jahre nach den antisemitischen Pogromen der Nationalsozialisten hat Bundespräsident Joachim Gauck einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft verlangt. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden, sagte er in Eberswalde in Brandenburg. "Wir wollen ein Land sein, das offen ist."

Auf dem Platz der einstigen Synagoge in Eberswalde wurde der Gedenkort "Wachsen mit Erinnerung" übergeben. Auf dem Grundriss des Gotteshauses stehen hinter einer Mauer Bäume, die das Gebäude markieren.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 hatten die Nationalsozialisten einen Großteil der mehr als 1.200 Synagogen und Gebetshäuser in Deutschland zerstört . Tausende andere jüdische Einrichtungen und Geschäfte wurden verwüstet und geplündert. Nach Schätzung von Historikern wurden mehr als 1.300 Menschen getötet und mehr als 30.000 Juden in Konzentrationslager gebracht. Die Pogromnacht gilt als Beginn der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, beklagte, dass Rechtspopulisten in Europa wachsenden Zulauf hätten. "Es ist kalt geworden in unserer Gesellschaft", sagte er. Kramer rief die Politiker auf, in ihrem Handeln nicht nachzulassen. "Gebraucht wird ein Asylgesetz, das seinen Namen verdient."

Gauck erklärte, die Zukunft könne nur gemeinsam gestaltet werden. Das sei besonders wichtig, wenn es darum gehe, sich jenen entgegenzustellen, die Werte und Verfassung infrage stellten.

Erinnerung auch in Berlin

In Berlin gedachten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sowie der evangelische Landesbischof Markus Dröge und der katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki der Opfer des Nationalsozialismus. Sie gingen bei einem Schweigemarsch zum Gelände der Synagoge in Berlin-Mitte. Das Gebäude war am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden. In ihrem Grußworten warnten Wowereit und die Bischöfe vor Antisemitismus und Rassismus.

Prominente wie der Moderator Günther Jauch (57) und der Sänger Max Raabe (50) würdigten mit einer besonderen Aktion die in der Stadt gelegten sogenannten Stolpersteine . Diese erinnern an einzelne NS-Opfer. Jauch, Raabe und andere griffen zu Putzmittel und Lappen, um die Steine zu säubern. "Ein ganz wunderbares Projekt", sagte Jauch über die kleinen Gedenktafeln, die in den Bürgersteigen vor den Häusern eingelassen werden, wo einst die Verschleppten wohnten. 

Raabe und Jauch putzen Stolpersteine

"Das ist das Gute an diesen Steinen: Egal, wer da vorbeikommt, egal, wann man da vorbeikommt, die sind immer da und künden immer vom jüdischen Leben in Deutschland und künden von dem großen Verbrechen, das damals verübt wurde", sagte Jauch. Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz sagte, die Stolpersteine erinnerten an Einzelschicksale und zeigten auch das Ausmaß der Verfolgung.

Auch in vielen anderen Städten Deutschlands erinnerten die Menschen an die Pogromnacht vor 75 Jahren. In Hamburg stellten die Bewohner des Grindel-Viertels Hunderte Kerzen neben die Stolpersteine , die vor den Häusern auf die vielen ehemaligen jüdischen Bewohner in dem Universitätsviertel hinweisen.