Es gibt drei Möglichkeiten, warum erst ein Bericht des Independent die Aufmerksamkeit der Bundesregierung auf einen verdächtigen weißen Zylinder auf dem Dach der britischen Botschaft lenkte.

Erstens: Die Bundesregierung hat die Installation, hinter der sich mutmaßlich Abhörtechnik verbirgt, noch nie gesehen. Dann fragt man sich, ob die Spionageabwehr-Abteilung des Verfassungsschutzes tatsächlich noch nie Luftbilder des Regierungsviertels analysiert hat.

Zweitens: Sie wusste davon, hielt das Ding aber für unverdächtig. Das wäre naiv gewesen.

Oder, drittens: Die Bundesregierung wusste nicht nur von dem Zylinder, sondern sie wusste auch, was drin ist, hat allerdings Spionage-Tätigkeiten aus befreundeten Botschaften für irgendwie unabwendbar gehalten. Das wäre peinlich. 

Wie immer es auch war, so geht es nicht weiter.

Bei der Staatsanwaltschaft würde man nach den Aussagen von Edward Snowden von einem begründeten Anfangsverdacht sprechen, der weitere Ermittlungsmaßnahmen erzwingt. Oder will sich die Bundesregierung weiter derart naiv stellen? Glaubt tatsächlich noch irgendwer, dass wenn es die Amerikaner und Briten tun, es die Russen, Chinesen und Franzosen nicht tun?

Botschaften als Lauschposten zu missbrauchen, verstößt gegen das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961. Das Geringste, was deshalb angezeigt ist, ist eine konzertierte technische Aufklärung über das, was sich auf den Dächern über Berlin abspielt.

Nennen wir die Aktion, die das Land jetzt braucht, den Bundes-Sweep. Es ist ganz erstaunlich, was moderne Wärmebild-Kameras und Strahlungssensoren heute leisten. Ein paar Hubschrauberflüge über Berlin-Mitte würden Kanzleramt und Bürgern womöglich die Augen ein wenig weiter öffnen.

Jeder andere Staat hätte solche Gegenspäh-Aktionen längst unternommen, um seine Souveränität zu verteidigen. Der Secret Service in Washington tut es wahrscheinlich routinemäßig.

Worauf wartet Angela Merkel denn? Dass Edward Snowden ihr weiterhin die Amtspflicht abnimmt, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden? Aufzuklären verletzt keine Freundschaften. Die Peinlichkeit, beim Lauschen erwischt zu werden, ist das Risiko der Ausspäher.

Und was, wenn sich weitere verdächtige Kuppeln rund um den Pariser Platz finden? Die Immunität sowohl der Botschaftsgelände wie auch des Botschaftspersonals würde es verbieten, sie zu inspizieren oder gar zu demontieren. Nicht verboten wäre es freilich, freundlich um Auskunft zu ersuchen, wozu solche Anlagen da wären. Denkbar wäre es zudem, dort, wo es geboten erscheint, Störsender zu installieren.

Man muss keine Funkmasten stilllegen, um den Handy-Empfang zu blockieren. Es gibt Jammer, die eine Glocke von starker Gegenstrahlung über ein bestimmtes Gebiet legen und damit jede funkwellengestützte Kommunikation lahmlegen. Die Bundeswehr benutzt solche Störsender in Afghanistan, um ihre Patrouillen vor ferngezündeten Sprengsätzen zu schützen.

Allerdings gibt es eine EU-Richtlinie, die den Einsatz von Jammern in Europa grundsätzlich verbietet (schließlich würden damit unterschiedslos alle Datenströme gestört, auch Notrufe und GPS-Signale). Aber ach, Richtlinien sind interpretierbar. Juristen, die Notwehr gegen schwerwiegendere Rechtseingriffe ins Feld führen würden, fänden sich sicher.

Natürlich klingt das alles recht drastisch und unfreundlich. Aber was ist die Alternative, solange es kein No-Spy-Abkommen gibt? Dumm stellen hilft nicht. Zu erfolgreicher Spionage gehören nämlich immer zwei. Einer, der's versucht, und einer, der's geschehen lässt.