Der erste Entwurf des Koalitionsvertrags ist 177 Seiten stark. Und er ist gespickt mit vielen Passagen in eckigen Klammern. Sie bedeuten: In diesen Punkten konnten sich die Koalitionspartner noch nicht einigen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr, am Mittwochmorgen soll der fertige Koalitionsvertrag stehen.

Zwar enthält der erste Entwurf bereits viele Punkte, auf die sich SPD und Union einigen konnten. Etwa, dass ein gesetzlicher Mindestlohn dem Grundsatz nach beschlossen wird. Doch Höhe und Beginn der Lohnuntergrenze sind nach wie vor umstritten. Merkel sagte beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Frankfurt am Main , sie sorge sich, dass bei 8,50 Euro Mindestlohn Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Die Union schlägt außerdem vor, Langzeitarbeitslose und Rentner von der Regelung auszunehmen. Die SPD lehnt das ab. 

Bei den Rentenplänen müsse darauf geachtet werden, die junge Generation nicht zu sehr zu belasten, sagte Merkel. Im Entwurf des Koalitionsvertrags heißt es in dem Absatz zur Mütterrente: "Wegen strittiger Finanzierung nicht abschließend konsentiert." Zugleich schwächten Union und SPD bei der angestrebten Lohngleichheit von Männern und Frauen ihre ursprüngliche Vereinbarung zunächst deutlich ab.    

Die Zeit wird langsam knapp. Spätestens in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wollen sich CDU , CSU und SPD abschließend auf ein Gesamtpaket und die Verteilung der Ministerposten einigen. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt zweifelte erstmals am Zeitplan der Verhandlungen. Geschwindigkeit gehe vor Sorgfalt.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte hingegen, es werde keine Verlängerung der Verhandlungsphase geben. Man habe aufgrund des SPD-Mitgliedsbescheids keinen zeitlichen Spielraum. Die strittigen Punkte seien immer noch: "Mindestlohn, Bekämpfung der Leiharbeit und natürlich mehr Entlastung für die Kommunen, Investitionen in Bildung und nicht zuletzt die Rente abschlagsfrei mit 63".  

Mit Tauschgeschäften bei den Themen Arbeitsmarkt, Rente sowie Investitionen in Bildung und Verkehr dürften CDU, CSU und SPD nun versuchen, eine Basis für vier gemeinsame Regierungsjahre zu finden. Dabei könnten wichtige Entscheidungen erst im Sechs-Augen-Gespräch der Parteichefs Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Horst Seehofer fallen.    

Besonders die SPD steht unter Druck. Sie muss im Koalitionsvertrag viel Durchsetzungsvermögen demonstrieren, um die vom Wahlergebnis enttäuschte Parteibasis zu besänftigen. Vom 6. bis 12. Dezember können die rund 475.000 SPD-Mitglieder per Briefwahl über den Koalitionsvertrag abstimmen. Der Entscheid gilt, wenn sich 20 Prozent der Mitglieder – also knapp 95.000 – beteiligen. Sonst muss ein Sonderparteitag über das Eintreten in eine Große Koalition entscheiden.   

Am 14. Dezember soll das Ergebnis vorliegen. Sollte der Koalitionsvertrag an der SPD-Basis durchfallen, könnte es neue Gespräche zwischen Union und Grünen geben. Die soeben begonnenen Verhandlungen über eine schwarz-grüne Landesregierung in Hessen haben diese Option auch auf Bundesebene wieder ins Gespräch gebracht. Die Grünen signalisierten bereits ihre Bereitschaft zu weiteren Gesprächen mit der Union.