Ganze neun Seiten brauchten CDU, CSU und FDP im Jahr 1961, um die Grundzüge ihrer künftigen Politik zu fixieren. Es war der erste Koalitionsvertrag in der Geschichte der Bundesrepublik, und dass es überhaupt dazu kam, hatte vor allem einen Grund: Alle Beteiligten wollten den damals 85 Jahre alten Bundeskanzler Konrad Adenauer dazu verpflichten, sich im Laufe der Legislaturperiode zurückzuziehen. Ansonsten, so vermutet der Politikwissenschaftler Wichard Woyke, hätte Adenauer wohl einmal mehr gesagt: "Die Lage ist so ernst, ich kann nicht weg" – und aus dem Wechsel wäre nichts geworden.

Mittlerweile sind Koalitionsverträge das Normalste von der Welt. Geschlossen werden sie auf allen Ebenen des politischen Systems und sie werden immer detaillierter. Statt auf neun Seiten brachte es die schwarz-rote Koalition von 2005 auf 143 Seiten, das schwarz-gelbe Vorhaben-Buch von 2009 umfasste 132 Seiten.

"Im aktuellen Koalitionsvertrag aus Nordrhein-Westfalen ist sogar der Einbau von Feuerlöschern vereinbart – es ist ein Irrsinn", sagt Woyke. Der Vertrag, der derzeit von SPD und Union ausgehandelt wird, dürfte ganz in dieser Tradition stehen. Zwar hat CSU-Chef Horst Seehofer mit dem ihm eigenen Gespür für das Unpopuläre unlängst davor gewarnt, zu viel Klein-Klein auf sehr vielen Seiten auszubreiten: "Ich stelle mir ein Papier vor, das deutlich kürzer ist als 100 Seiten. Wir sagen, was wir machen wollen und woher wir das Geld dafür nehmen. Ende", sagte er dem Spiegel.   

Doch das, was die Koalitionsarbeitsgruppen bisher vereinbart haben, sieht deutlich anders aus: Die Arbeitsgruppe Familie etwa hat bereits festgelegt, dass von der dreijährigen Elternzeit künftig zwei statt wie bisher ein Jahr bis zum 14. Lebensjahr des Kindes genommen werden dürfen. Auch die von den potenziellen Koalitionspartnern ausgehandelte Mietpreisbremse enthält konkrete Prozentsätze, um welchen Satz die Mieten in welchen Zeiträumen künftig höchstens steigen dürfen. Geht es nach der SPD, wird im Koalitionsvertrag zudem nicht nur stehen, dass es einen gesetzlichen, flächendeckenden Mindestlohn geben soll, sondern auch welche Höhe dieser haben wird. 

Die Furcht, zu vage zu sein

Ganz unabhängig davon, wie man diese Vereinbarungen inhaltlich bewertet, stellt sich die Frage, ob so etwas im Koalitionsvertrag stehen muss. Ist die genaue Ausgestaltung gesetzgeberischer Vorhaben nicht Sache der Parlamentsausschüsse, in denen gewählte Abgeordnete sitzen? Werden sie durch zu detaillierte Koalitionsverträge nicht geknebelt?

Die, die derzeit verhandeln, halten das Vorgehen für notwendig. "Die Bürger hätten nichts davon, wenn jetzt Formelkompromisse geschlossen würden, und dann im Laufe der Legislaturperiode ein Riesenstreit entsteht", sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder. Und Elke Ferner, die für die SPD in der Familienarbeitsgruppe sitzt und auch in der Runde der 75 mitverhandelt, meint: "Bei den Themen, die vorher streitig waren, ist es wichtig, den Kompromiss im Detail festzulegen."

Es ist eine doppelte Angst, die den Koalitionspartnern in spe bei diesen Verhandlungen die Hand führt. Auf der Unionsseite hat man vor allem den Fehlstart von 2009 in Erinnerung. Damals wurden statt konkreter Absprachen zahlreiche Prüfaufträge vergeben. In der Folge beschimpften sich die Koalitionspartner in der Anfangszeit der gemeinsamen Regierung als Gurkentruppe und Wildsäue. Auch wenn sich der Ton später besserte: Das Image, ein zerstrittener Haufen zu sein, wurden sie nie mehr los.