Andreas Sch. ist noch einmal verschont worden. Eigentlich hätte er an diesem Tag als Zeuge im NSU-Prozess aussagen müssen, wäre konfrontiert worden mit unangenehmen Fragen. Zum Beispiel, wieso er im Jahr 1999 oder 2000 eine Pistole mit Schalldämpfer kaufte und weiterverkaufte – eine Waffe, mit der deutschlandweit neun Migranten erschossen wurden, die Ceska 83 des NSU.

Der 40-Jährige mit der Halbglatze und dem Stiernacken ist laut Anklage ein wichtiges Zwischenglied beim Transport der Pistole an die mutmaßlichen Terroristen. Er arbeitete früher als Verkäufer im Madley, einem Geschäft für rechte Musik und Klamotten in Jena. Dort soll er die Ceska samt Schalldämpfer an Carsten S. übergeben haben, der heute auf der Anklagebank sitzt, weil er sie dem NSU zur Verfügung stellte. Sch. ist für seine Handlung nicht angeklagt worden. Noch nicht.

Vor Gericht beginnt die Zeit der Zeugen, die sich womöglich selbst die Finger schmutzig gemacht haben. An bislang 55 Prozesstagen hat sich der Strafsenat immer näher an den Ursprung des NSU herangetastet – und ist immer tiefer in die rechte Szene Thüringens eingetaucht, aus der die Terrorzelle Mitte der neunziger Jahre entsprang. Damit wird die Arbeit der Richter schwerer. Denn je näher einer der früheren Kameraden dem Umfeld von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt stand, desto weniger verrät er im Gerichtssaal.

Verteidiger verunsichert Zeugen

Vieles spricht dafür, dass das auch für den Fall von Sch. gilt: Weil der Generalbundesanwalt den Zeugen später zur Verantwortung ziehen könnte, belehrt ihn Richter Manfred Götzl: Er müsse keine Antworten geben, mit denen er sich selbst zum Ziel der Strafverfolger machen würde. Doch so einfach, wie sich das Gericht die Vernehmung vorgestellt hat, läuft es nicht. Und damit hätten die Richter rechnen müssen.


Bevor Sch. das erste Wort gesagt hat, grätscht Olaf Klemke dazwischen, der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Klemke hält den Zeugen für schlecht beraten: Er dürfe nicht nur in einzelnen Fragen die Auskunft verweigern, sondern komplett schweigen, weil er "ohne Gefahr der Strafverfolgung" gar nichts sagen könne. Spätestens an diesem Punkt müsste es Klemke gelungen sein, Sch. gehörig zu verunsichern.

Sieg für Wohllebens Verteidigung

Der Zeuge wird hinausgeschickt, der Anwalt argumentiert weiter: Im Verhör hatte Sch. bereits zugegeben, die Waffe zur Verfügung gestellt zu haben – damit könnte er sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht haben, auch wenn die Bundesanwaltschaft das bislang noch nicht so sieht. Für Klemke ist Sch. hingegen hochverdächtig: Ein Mann, der im Madley gearbeitet hatte, das "nicht der Eine-Welt-Laden von Jena war" und der zudem noch wusste, dass sein Mandant Ralf Wohlleben Beziehungen zum untergetauchten Trio unterhielt.

Die fünf Richter diskutieren mehr als eine Stunde über den Antrag. Schließlich entscheiden sie: Klemke hat Erfolg, Götzl muss den Zeugen über ein umfassendes Aussageverweigerungsrecht aufklären. Ein Sieg für Wohllebens Verteidigung.

Die Vertreter der Nebenklage sind von Klemkes Eifer genervt: Es überrasche, "dass Sie sich gemüßigt fühlen, dem Gesinnungsgenossen Ihres Mandanten beizuspringen", tadelt Anwalt Thomas Bliwier den Kollegen. Edith Lunnebach erinnert daran, "dass das Häufchen Unglück in der Lage war, eine scharfe Waffe zu besorgen".