Am Schluss seiner Rede wird Peer Steinbrück, der Nüchterne, der Pragmatische ganz pathetisch: "Ich habe Solidarität empfangen", sagt er mit belegter Stimme. "Die SPD wird sich – solange ich lebe – auf meine Solidarität verlassen können." Und so findet eine verunglückte Kanzlerkandidatur doch noch ein tröstliches Ende: Die SPD hat bei der Bundestagswahl zwar eine schwere Niederlage erlitten, doch die Partei und der Kandidat, der vermeintlich so wenig zu ihr passt, sind miteinander versöhnt. Immerhin.

Mit diesem Abschied beginnt der SPD-Parteitag in Leipzig an diesem Donnerstag. Man kann das durchaus symbolisch sehen: Steinbrück sitzt zunächst auf dem Podium zwischen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und dem ehemaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Der eine ist weiter dabei, der andere schon weg – und Steinbrück an diesem Tag irgendwie beides. Seit dem Wahltag wetteifern die Medien um das große Abrechnungsinterview mit Steinbrück. Über die miserable Vorbereitung seiner Kandidatur durch das Willy-Brandt-Haus soll er da reden, über die Querschüsse von Parteichef Sigmar Gabriel, über die Unverfrorenheit, dem Kandidaten, einem Mann der politischen Mitte, ein dezidiert linkes Programm aufgenötigt zu haben. Niemand hat ein solches Interview bekommen. Und als Steinbrück zu reden beginnt, wird deutlich, dass es eine solche Abrechnung auch nicht mehr geben wird. Steinbrück will nicht mehr lange zurückschauen – er blickt lieber nach vorn. Keine geringe Leistung für einen Mann, der geht.

Der Exkandidat beginnt mit einem Dank an die Partei und wirft sich dann erst mal in den Staub. Es gebe keinen Grund für Schuldzuweisungen und Scherbengerichte, lässt er die Delegierten wissen. "Der Hauptteil der Verantwortung für die Niederlage trägt der Spitzenkandidat – also ich." Er muss den verpatzten Auftakt seiner Kampagne nicht in Erinnerung rufen, weder die Honorardebatte, noch seine Äußerungen über zu wenig Kanzlergehalt und billigen Pinot Grigio oder seine Berater aus dem Hedgefonds-Milieu und Pressesprecher, die er schassen musste – er hat sich ins kollektive Bewusstsein der SPD eingebrannt. Steinbrück hält sich auch nicht damit auf, die Presse für ihre Berichterstattung zu geißeln, was er zuletzt mit wachsender Selbstgerechtigkeit getan hatte.


Doch jeder Versuchung der Selbstrechtfertigung entgeht Steinbrück, indem er danach fragt, welche Lehren aus der Kampagne zu ziehen sind, was die SPD künftig anders, besser machen muss. Und welche Gewissheiten sie hinterfragen sollte. Steinbrück nennt etwa die, wonach eine Große Koalition die SPD klein mache, dass Angela Merkel die famose Fähigkeit besitze, ihre Partner auszusaugen. "Dafür, uns klein zu machen, sind nur wir selbst stark genug", so Steinbrück. "Leider ist uns das manchmal gelungen."

"Es muss sich gut anfühlen, die SPD zu wählen"

Steinbrück hält den Genossen den Spiegel einer SPD vor, die leidenschaftlicher "das fehlende Stück zu einer Ideallösung" beklagt als "die eigenen Leistungen und Erfolge" zu feiern. Das Wehklagen, mit dem die Partei sowohl ihre schwere Niederlage vom 22. September als auch die Aussicht auf eine erneute Juniorpartnerschaft in einer Großen Koalition bejammert, kontert Steinbrück mit Zuversicht. Viel mehr als sich im Wahlergebnis ablesen lasse, habe die SPD in den vergangenen Monaten erreicht: Sie sei programmatisch geschlossen, die Mitglieder seien so intensiv wie noch nie an zentralen Entscheidungen beteiligt, die SPD habe im Jahr ihres 150. Geburtstages eine Brücke geschlagen von der Vergangenheit in die Zukunft. Der Scheidende mahnt diejenigen, die bleiben, dazu, künftig nicht allein die Ängste und Nöte der Beladenen zu thematisieren – die traditionelle Lieblingsbeschäftigung der SPD. Die Lebensfreude, der Optimismus dürften nicht zu kurz kommen: "Es muss sich gut anfühlen, die SPD zu wählen."

Optimistischer als bisher, die Chancen sehen und nicht nur die Risiken betonen – so wünscht sich Steinbrück auch den Blick der Genossen auf das, was jetzt zu entscheiden ist. Die SPD habe immer den Gestaltungswillen besessen, die Lebensverhältnisse der Leute zu verbessern. "Wenn wir dafür gute Chancen sehen, dann sollten wir Verantwortung übernehmen." Also Ja sagen zu einer Großen Koalition.

"Sozialdemokrat ist man aus Überzeugung"

Zum Schluss gibt Steinbrück seiner Partei noch eine Perspektive mit auf den Weg, die weit über die nächsten Wochen hinausweist und zugleich an ihre Tradition anknüpft. Die SPD müsse gegen die Wahrnehmung der Menschen ankämpfen, sie sei anonymen entgrenzten Mächten ausgeliefert. "Wir müssen gegen Resignation und Rückzug aus dem Politischen arbeiten", die am Ende die Demokratie gefährdeten. Wiederum: "Mehr Demokratie" – das sei "die Aufgabe des nächsten Jahrzehnts".

Wo gestern und morgen zusammenfallen, ist der Abschied für Steinbrück dann auch kein Abschied mehr, schließlich bleibt er ja Genosse: "Sozialdemokrat ist man aus Überzeugung, nicht aus Kalkül."

Als Steinbrück endet, stehen die Sozialdemokraten auf – und applaudieren. Es ist kein Jubelsturm, aus denen immer auch bemühte Begeisterung spricht. Aus dem Beifall spricht etwas Echtes: Respekt.