Sigmar Gabriel will sie jetzt alle haben. Die alleinerziehende Kassiererin, den Facharbeiter, die Pflegerin, die Erzieherin, die kaufmännische Angestellte, den Handwerker, Polizeibeamte, Kleinunternehmer, türkische Ladenbesitzer, den  Softwareunternehmer, den Solo-Selbstständigen, und auch noch die "Generation Y" mit ihrem Bedürfnis nach "Work-Life-Balance". Der SPD-Chef reiht das alles atemlos aneinander und schließt: "Niemanden ausgrenzen, alle einladen." Spätestens nach dieser Floskel ist klar: Gabriel hat große Ziele für seine Partei – allein, wie die SPD sie erreichen soll, weiß auch er nicht.

Es ist eine merkwürdige Situation, in der sich die SPD zum Parteitag in Leipzig trifft. Die eigentlichen politischen Entscheidungen werden gerade anderswo getroffen, bei den Verhandlungen über eine große Koalition. "Und bis die Ergebnisse kommen, wird hier nicht viel passieren", stellt ein Delegierter nüchtern fest.

Die Partei muss einerseits mit der Union Kompromisse finden, gleichzeitig aber sehr viel mit sich selbst klären. Warum sie die Bundestagswahl überhaupt verloren hat. Und wie sie aus ihrem Dauertief wieder herauskommen will. 

Der sozialpolitische Kurs hat sich nicht gelohnt

Gabriel muss all das zusammenbinden, er muss die Niederlage erklären, der nun richtungslosen Partei einen Kurs geben, und Selbstbewusstsein – aber nicht zu viel, denn schließlich ist es ja die Zeit der Kompromisse, siehe oben.


Drei Gründe macht er aus für das schlechte Wahlergebnis. Die Wähler wollen Stabilität und wirtschaftliche Sicherheit, und dafür steht eher Angela Merkel als die SPD, die überall nur Probleme und Gefahren sieht. Die Kanzlerin beruhigt, die Sozialdemokraten verunsichern. "Ich verstehe das nicht, dass die Menschen Merkel gewählt haben, damit alles so bleibt, wie es ist", sagt eine Genossin später in der Generalaussprache, und in ihrer Fassungslosigkeit über diese Menschen wird die ganze, große Lücke deutlich, die zwischen der Mitte der Gesellschaft und dem klafft, was die SPD anbietet.

Gabriel gesteht zweitens ein, dass der hart sozialpolitische Kurs der Partei sich nicht gelohnt hat. Selbst Leiharbeiter, um die sich die SPD doch so intensiv im Wahlkampf kümmerte, trauen der Union eher eine Verbesserung ihrer Situation zu. Der vermeintliche sozialdemokratische Kern, der im Wahlkampf ein rein sozialpolitischer war, er hat nicht verfangen.


Drittens beklagt der Parteichef die "kulturelle Kluft zwischen den SPD-Repräsentanten und ihrer Kernwählerschaft". Gabriel und die anderen, das sind jetzt auch "die da oben". Diese Diagnose ist deshalb so wichtig für die Partei, weil sie die Schuld nicht bei den anderen sucht, den Medien, den politischen Gegnern, den Wählern gar. Und auch nicht mehr bei der Reformpolitik von einst, der Agenda 2010, die viele so bequem vorschieben, um das eigene Scheitern zu verschleiern. Nach dem achselzuckenden Motto: Das war schon kaputt, ist doch nicht unsere Schuld.

So viel Selbstkritik kommt an bei den Delegierten. Beeindruckt sind sie von der Rede, "tiefgründig", "nachdenklich", "präzise" sei sie gewesen.

Und nun? Wie will Gabriel, wie will die SPD diese Probleme lösen?

Sie wissen es nicht. Gabriels starke Diagnose des eigenen Scheiterns verliert an Kraft, weil er dann so ernüchternd daran scheitert, eine wirksame Therapie zu verschreiben. "Lasst uns wieder einladender werden für die Menschen", sagt der Parteichef. Er wolle nicht nur Politik für sie machen, sondern "wieder mehr Politik mit ihnen machen".