Miese Wahlergebnisse für die Parteispitze, ein erzwungenes Machtwort des Vorsitzenden: Beim Parteitag im Leipzig hat die SPD den Aufstand gegen den Kurs ihrer Führung geprobt, gegen die geplante Große Koalition. Wenn man bedenkt, dass es vor allem Funktionäre des Parteimittelbaus waren, die hier ihre Wut rausließen, stellt sich die für die SPD beängstigende Frage: Wie wird das erst beim Mitgliederentscheid über einen Koalitionsvertrag? Wie groß erst wird die Ablehnung bei der echten Basis sein, bei denjenigen, die nicht in Parteihierarchien eingebunden und zur Geschlossenheit verpflichtet sind?

Die Große Koalition ist noch lange nicht beschlossen, die Zustimmung der SPD-Mitglieder weiter sehr unsicher. Das ist die erste Erkenntnis des Leipziger Parteitags.

Ein zweites Problem folgt daraus: Weil die Partei eigentlich nicht mit der Union zusammen regieren will, droht ihr eine Zerreißprobe, sollte es doch dazu kommen. In der Parteispitze gibt es schon jetzt kaum noch Widerstand gegen eine Große Koalition, viele werden direkt in Ministerämter wechseln und dann gemeinsame Sache mit Angela Merkel machen. Die Regierungspraxis wird dann jeden noch so gut gemeinten Profilierungsversuch der SPD verdecken, die Partei wird unsichtbar hinter ihren Ministern und Bundestagsabgeordneten. Die Basis kann sich die schönsten Dinge wünschen, aber ganz oben im Bundestag und im Kabinett, dort, wo es drauf ankommt, werden ihre Leute mit der Union stimmen. Der Frust in der Partei dürfte noch weiter wachsen.

Die dritte Erkenntnis des Parteitags ist die wichtigste und hat damit zu tun, wie Parteichef Sigmar Gabriel auf die ersten beiden Probleme antworten will. Wie er die Partei ausrichten will.

Die Wähler einzuspannen ist bequem

Die Kernaussage von Gabriels nachdenklicher Rede war: Man dürfe nicht mehr nur Politik für die Menschen machen, sondern "wir müssen wieder mehr Politik MIT ihnen machen." Großgeschrieben und fett gedruckt stand dieses Wort in seinem Redemanuskript. Näher ran an die Menschen also. Vor Jahren hatte bereits Kurt Beck dieses Motto ausgegeben, und dass Gabriel nun nach seiner eigentlich starken Analyse der SPD-Schwächen nur einfiel, den alten Slogan wieder aufzuwärmen, ist deprimierend.

Denn erstens ist es ja nicht so, als würde die Partei nicht schon seit Jahren versuchen, wieder mehr gesellschaftlichen Rückhalt zu finden, als würde sie nicht die Nähe der Wähler suchen. Warum sollte das in Zukunft plötzlich besser klappen?

Und zweitens ist es bequem, ja vermessen, wenn Gabriel die Wähler dazu einspannen will, die Probleme der Partei zu lösen. Sein Aufruf zu mehr Beteiligung ist auch eine Ausflucht und ein Eingeständnis. Sein fett gedrucktes MIT soll vor allem der Partei nutzen. "Die Menschen" sollen doch nun bitte mal der SPD helfen, weil die allein aus ihrem Tief nicht mehr herauskommt.