Irgendwann in einem ihrer schwächeren Momente kam die Menschheit auf die Idee, das Dasein zum Dabeisein zu steigern. Damit ging gewissermaßen all das los, was uns die abendländische Philosophie seit Jahrhunderten einbläut: Das Leid des Menschen hat begonnen, als er sein Zimmer verließ. Im Besonderen soll hier ausnahmsweise vom Leid der Journalisten die Rede sein, zumal jener tapferen Kollegen, die am Dienstagabend vor dem gläsernen Willy-Brandt-Haus standen und das seit Stunden.

Die herausragenden Ereignisse dieses Abends lassen sich ohne gröbere Verletzungen des Informationsauftrags raffen: Die Tiefgarage hat etliche schwarze Limousinen verschluckt, die Hauptdarsteller saßen im Gebäude, Peter Hintze von der CDU war jedoch jählings wieder gegangen und mancherorts wurde bereits der übliche Metapherntriathlon aus "Ringen", "Poker" und "Tauziehen" trainiert, und wo man gerade beim Sport ist: Dortmund – Neapel 3:1, Schalke – Bukarest 0:0.

Es war der Abschluss der Koalitionsgespräche zwischen CDU und SPD. Vorab wusste man immerhin, dass November sich nicht unbedingt anfühlt wie ein Pfingstsonntag auf dem Lande. Zudem lernte man bald, dass Gulaschsuppe allenfalls kurz die Leere füllt, aber in Wirklichkeit war sie etwas knorpelig, was im Willy's, dem Bistro der SPD-Parteizentrale, jedoch niemanden zu erschüttern schien.

Von dort eröffnete sich immerhin ein Blick auf gegenüber telefonierende Aktentaschenmenschen, auf Glasfahrstühle und Leitz-Ordner, deren Anordnung man auswendig lernen könnte. Denn dass dieser Abend lange dauern wird, mindestens bis Mitternacht, das stand rasch fest und das trieb manche immer wieder mürbe vor die Tür, wo sie sich ergebnislos um den SPD-Parteisprecher verklumpten. 

Oder man raunte, dass zu vernehmen war, dass dem Vernehmen nach schon etwas zu – bitte Thema einsetzen – vernommen wurde. Und könne doch schon mal über die Agenturen rausgehen, auch um der Ereignislosigkeit ohnmächtig zu trotzen, die in Zeiten von Livetickern uns in professionelle Unruhe versetzt, als sei uns die Welt etwas schuldig. 

Es ist die Schuld der Politik, die uns warten ließ

Aber, und das ist die gute Nachricht dieses Genöles, was für eine Lehrstunde im Warten! Im Aushalten und Ausharren, eine vergessene Kulturtechnik, die doch gleichsam der Modus unseres ganzes Lebens ist. In der man das Spekulative und Spektakuläre einen Augenblick lang vergisst, und man hat auf einmal die bessere Laune in der schlechten.

Weil sich die Fragen nach Mütterrente, Maut und Mindestlohn schon eilig genug klären werden. Und weil man sich endlich demütig jenen Anliegen widmen kann, die unter unseren alltäglichen irdischen Mühen begraben liegen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn man Helene Fischer rückwärts hört? Echt wahr, dass ganz Deutschland Til Schweiger, Game of Thrones und ProSieben guckt? Wann kommt die erste karierte Zahncreme? Was ist schlimmer: Peking-Oper oder Nō-Theater? Lassen sich noch andere Städte außer Uelzen konjugieren? Oder warum in die Ferne schweifen: Wurde die Wand im Willy's in Flamingopastell gestrichen oder im Farbton Bon Jovi? Heißt es eigentlich das Gulasch oder der Gulasch? Und was bedeutet es, wenn Ulrich Deppendorf verkabelt wird, außer dass er verkabelt wird? 

Ganz recht, wir verlassen den Boden der seriösen Berichterstattung, aber, das lässt sich dieses Mal wirklich reinen Gewissens sagen, es ist die Schuld der Politik, die uns in der Kälte stundenlang allein gelassen hat. Und wer das nicht glaubt, der lese bitte nach bei Nietzsche: "Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen." Und falls jemand Antworten auf die angesprochenen Fragen hat, so möge er sich umgehend melden. Auch nachts, auch an Feiertagen.

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