Der erste Zuschauer ist schon drei Stunden vor Prozessbeginn gekommen. Der ältere Mann ist extra mit dem Fernbus aus Stuttgart angereist und gibt sich als Wulff-Fan zu erkennen. Die Anschuldigungen, wegen derer der frühere Bundes- und niedersächsische Ministerpräsident an diesem Tag als Angeklagter vor dem Landgericht Hannover erscheinen muss, hält er für völlig daneben. Der CDU-Politiker sei "klug, bescheiden und sympathisch". Er habe ihn selber auf einer Veranstaltung vor einiger Zeit erlebt, hinterher habe er ihm sogar eine Autogrammkarte geschickt. "Der macht so etwas nicht."

Eine frühere Krankenschwester aus Hannover, die sich wenig später für einen der 40 Zuschauerplätze anstellt, ist dagegen überzeugt, dass Wulff verurteilt wird. Zu Recht, wie sie findet. "Der ist ein Bürger wie jeder andere, gleiches Recht für alle", sagt sie mit Empörung in der Stimme. "Der hatte doch sein Gehalt, der hätte das selber bezahlen müssen", sagt sie mit Blick auf die Anklage, Wulff habe sich von seinem Filmfreund David Groenewold 2008 zum Oktoberfest einladen lassen.

Die Stimmung vor dem Gericht ist an diesem kalten Tag in Hannover so gespalten wie wohl im ganzen Land. Erstmals steht ein ehemaliges Staatsoberhaupt unter Anklage. Aber waren die aufwendigen Ermittlungen gegen ihn gerechtfertigt, oder ist Wulff Opfer der Medien und übereifriger Staatsanwälte geworden? "Ist der Wulff-Prozess überhaupt nötig?", fragt auch die Bild-Zeitung, die selber die Affäre Ende 2011 durch ihren Bericht über den Hauskredit ins Rollen gebracht hatte.

Zahlreiche Kameras sind jetzt vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut. Der Prozess spült noch einmal die ganze Aufregung des Wulff-Skandals hoch, der im vorigen Jahr das Land über Monate beschäftigte. Der Andrang an Journalisten und Zuschauern ist allerdings geringer als erwartet, einige Plätze im Gerichtssaal bleiben leer.

Um kurz vor 10 Uhr taucht Wulff mit seinen beiden Anwälten auf. Er trägt keine Brille. Kurz ein paar Sätze in die Kameras, die Zuversicht verbreiten sollen, dann eilt er die Treppen hoch. Im Gerichtssaal wechselt er ein paar Worte mit dem Mitangeklagten Groenewold. Beide tragen gedeckte blaue Anzüge, beide wirken angespannt, Groenewold, der sich immer wieder durch die Haare fährt, noch etwas mehr. 

Wulff trägt am Revers einen schwarz-rot-goldenen Anstecker mit Bundesadler, "die kleine Ausführung des Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband, die man zu solchen Anlässen trägt", erläutert er auf Nachfragen. Eine Demonstration: Hier steht ein verdienstvoller Mann zu Unrecht vor Gericht, lautet die Botschaft.

Probleme mit der Anschrift

Diese Linie verfechten seine Anwälte und er selber auch in einer ausführlichen Stellungnahme zur Anklage. Aber zuvor muss das Gericht erst noch die üblichen Präliminarien erledigen. Der Vorsitzende Richter Frank Rosenow stellt wie bei ihm üblich die Richter und Schöffen und selbst die Protokollantin vor und fragt die beiden Angeklagten nach ihren Personalien. "Das können wir heute kurz machen", sagt er an seinen früheren Dienstherren gewandt. "Ihr Vorname ist Christian, das weiß ich." Nur bei Wulffs Anschrift in Hannover gebe es Probleme. "Wenn wir etwas zustellen wollen, kommt das immer zurück."

Justizalltag. Aber der Richter lässt von Anfang an erkennen, dass ihm klar ist, dass dies kein Strafverfahren ist wie jedes andere. Deshalb lockert er die Verhandlung mit einigen freundlichen Bemerkungen auf. "Üblicherweise weise ich Angeklagte darauf hin, dass es sich für sie auszahlt, wenn sie ein Geständnis ablegen", sagt er wiederum Richtung Wulff. "Aber das erübrigt sich hier wohl. Sie sind ja selber Jurist."

Doch schnell wird es wieder eisig. Als Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer die Anklage verliest, fixiert ihn Wulff mit hartem Blick. Seine Anwälte flüstern ihm zwischendurch etwas zu, aber Wulff hält die Augen unverwandt auf den Ankläger ihm gegenüber gerichtet, seinen Gegner. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass sich der CDU-Politiker hat bestechen lassen, weil Groenewold bei seinem Besuch auf dem Oktoberfest 2008 einen Teil der Hotelkosten und die Rechnung für ein gemeinsames Abendessen übernommen und Wulff im Gegenzug sich beim Siemens-Konzern für ein Filmprojekt seines Freundes eingesetzt habe. Das Gericht hat allerdings nur eine Anklage wegen Vorteilsannahme zugelassen.

Wulffs Anwälte kündigen an, dass sie auch diesen Vorwurf restlos widerlegen wollen. Die Ermittler hätten das gesamte Privatleben Wulffs und seiner Familie unter die Lupe genommen, und es habe "massive Grenzverletzungen" der Medien gegeben. "Es darf bei einem Freispruch, für den wir kämpfen, nichts hängen bleiben", sagt sein Verteidiger Michael Nagel.