Der erste Verhandlungstag im Korruptionsprozess gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff hat knapp drei Stunden gedauert. Nach einer Verhandlungsunterbrechung kurz nach Beginn des Strafprozesses verlas Staatsanwalt Clemens Eimterbäumer die Anklageschrift. Wulff wird vorgeworfen, sich als niedersächsischer Ministerpräsident korrupt verhalten zu haben, als er sich von Filmproduzent David Groenewold 2008 zu einem Oktoberfestbesuch einladen ließ. Eimterbäumer sagte, aus Sicht der Anklage sei auch eine Verurteilung Wulffs wegen Bestechlichkeit denkbar.

Wulff selbst wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in einer rund 45-minütigen Erklärung zurück. "Die persönlichen Schäden, die meine Familie und ich erlitten haben, werden bleiben. Wahrscheinlich ein Leben lang", sagte Wulff. Er erwarte jetzt, dass Recht gesprochen wird. Der Prozess wird kommenden Donnerstag mit der Vernehmung der ersten vier Zeugen fortgesetzt.

Bereits wenige Minuten nach Beginn war der Korruptionsprozess unterbrochen worden. Grund war eine Rüge der Verteidiger des wegen Vorteilsgewährung mitangeklagten Groenewold. Sie kritisierten, im Zuschauerraum seien zu viele Plätze an Medienvertreter vergeben worden und zu wenige an andere Zuschauer.

Mit Wulff muss sich erstmals in Deutschland ein ehemaliger Bundespräsident als Angeklagter in einem Strafprozess verantworten. Bereits vor Beginn der Verhandlung zeigte sich Wulff zuversichtlich, vom Vorwurf der Vorteilsannahme im Amt freigesprochen zu werden. "Dies ist sicher kein einfacher Tag", sagte der 54-Jährige bei seiner Ankunft am Landgericht Hannover . "Aber ich bin mir ganz sicher, dass ich auch den allerletzten Vorwurf ausräumen werde, weil ich mich immer korrekt verhalten habe im Amt." 

Nach dem Verfahren wolle er sich dann "mit großer Freude" wieder jener Themen annehmen, die ihm "immer am Herzen gelegen haben". Wulff trug das große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, nach seinen Worten "aber in der Ausführung, die man bei solchen Anlässen trägt".

22 Prozesstage hat die 2. Große Strafkammer des Landgerichts für das Verfahren bis Anfang April kommenden Jahres angesetzt. 46 Zeugen sind geladen. Geklärt werden soll, ob sich Wulff bei dem Oktoberfestbesuch der Vorteilsannahme schuldig gemacht hat. Bei Filmproduzent Groenewold geht es um die Frage, ob er Wulff Gefälligkeiten zuteil werden ließ, um sich dadurch nützliche Amtshandlungen zu sichern.

Es geht um gut 700 Euro Hotel- und Essenskosten

Der Filmmanager hatte laut Anklage in München 510 Euro Hotel- und Babysitterkosten für das Ehepaar Wulff übernommen und außerdem 209,40 Euro für ein Abendessen und den Festzeltbesuch gezahlt. Einen Tag nach dem Wiesn-Besuch soll der Filmproduzent Wulff schriftlich gebeten haben, bei dem damaligen Siemens-Vorstandschef Peter Löscher für eines seiner Filmprojekte zu werben. Wulff soll dieser Bitte gut zweieinhalb Monate später entsprochen haben.

Im Prozess sagte Wulffs Verteidiger Michael Nagel, die Hypothese sei absurd, dass Wulff sich "für einen Freund wegen ein paar Hundert Euro gefällig gezeigt" haben soll. Das Verfahren dürfe nicht Gefahr laufen, zu einem Schauspiel zu werden. Verteidiger Bernd Müssig sagte, Wulff sei schwerer öffentlicher Schaden zugefügt worden. Die Verteidigung erwarte, dass die Anklage niedergeschlagen werde. "Es darf bei einem Freispruch nichts hängen bleiben", sagte Müssig.  

Rücktritt am 17. Februar 2012

Wulff war einen Tag nach Einleitung eines Ermittlungsverfahrens durch die Staatsanwaltschaft Hannover am 17. Februar 2012 als Staatsoberhaupt zurückgetreten. Das Angebot der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage einzustellen, hatte Wulff abgelehnt. Er will seinen Ruf durch einen Freispruch wiederherstellen lassen.

Mit dem Wiesn-Besuch ist nur ein einziger strafrechtlich relevanter Punkt auf der langen Liste der Vorwürfe gegen Wulff übrig geblieben. Zum Verhängnis geworden waren ihm am Ende ein ganzes Bündel von Vorwürfen und Ungereimtheiten – angefangen vom privaten Hauskredit einer Unternehmergattin bis hin zu Gratisurlauben bei Unternehmerfreunden und der versuchten Einflussnahme auf die Medienberichterstattung durch einen Anruf bei Bild -Chefredakteur Kai Diekmann .