Reporter positionieren sich vor dem Berliner Hotel Adlon. Hier soll Michail Chodorkowsi , der freigelassene Kremlkritiker, seit seiner Ankunft in der Hauptstadt wohnen. Eine Bestätigung gibt es dafür nicht. Am frühen Abend verlässt Hans-Dietrich Genscher das Hotel unter den Linden. Schwarzer Mantel, gelber Schal, den Journalisten gegenüber gibt er sich wortkarg: Ja, Chodorkowski sei in Berlin . Nein, er wolle nicht mehr sagen. Dann fährt er in einer schwarzen Limousine davon.

Der Exaußenminister Genscher hat einen großen Coup gelandet. Einen Tag nachdem der russische Präsident Wladimir Putin Amnestie für mehrere Häftlinge, unter anderem die Punkband Pussy Riot, angekündigt hat, holte der 86-jährige Genscher Chodorkowski persönlich am Flughafen Berlin-Schönefeld ab. Der Putin-Kritiker kam direkt aus einem russischen Straflager. Zwei Jahre lang hatte sich Genscher um seine Freilassung bemüht.

Wie kam es zu der plötzlichen Begnadigung Chodorkowskis und welche Rolle spielte der FDP-Politiker? Wie Genscher am Freitagnachmittag in einer Erklärung bekannt gab, wurde er von den Anwälten Chodorkowskis um Hilfe gebeten. Er selbst hatte den früheren Öl-Milliardär vor etwa zehn Jahren als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik kennengelernt.

In Absprache mit Kanzlerin Angela Merkel habe Genscher sich in den vergangenen Monaten zwei Mal persönlich mit Wladimir Putin getroffen und für Chodorkowski eingesetzt. Dessen Gnadengesuch habe er mit einem eigenen Brief weitergereicht. Auch Exaußenminister Guido Westerwelle soll in den Fall Chodorkowski involviert gewesen sein. Genscher dankte ihm, Merkel und dem deutschen Botschafter in Moskau für ihre "größtmögliche Unterstützung".

Genscher kümmerte sich um Gnadengesuch und Flug

Am Freitagmorgen hatte Putin die Begnadigungsurkunde für Chodorkowski unterschrieben. Kurz darauf verließ der nach mehr als zehn Jahren Haft das Straflager Segescha. Er betonte, dass keine Absprache über ein Schuldeingeständnis als Bedingung für seine Begnadigung getroffen worden sei. Am Nachmittag deutscher Zeit saß Genscher dann neben Chodorkowski in einer Limousine vom Flughafen Berlin-Schönefeld in Richtung Innenstadt. "Ich habe im Auto, obwohl ich Russisch nicht verstehe, die Gespräche miterlebt mit seinen Familienangehörigen. Das war schon anrührend. Und man kann das gut verstehen nach den zehn Jahren, die er durchzustehen hatte", wird Genscher später in den ARD- Tagesthemen sagen.

Auch um Chodorkowskis Flug hatte sich der Politiker gekümmert. Die deutsche Energieberatungsfirma OBO Bettermann, teilte mit, sie habe Chodorkowski auf Bitte Genschers einen Privatjet zur Verfügung gestellt. Chodorkowski dankte Genscher für seine "persönliche Anteilnahme an meinem Schicksal". Genscher betonte in seiner Erklärung, er habe aus humanitären Gründen gehandelt.

Der Exaußenminister habe Chodorkowski nicht gefragt, welche weiteren Pläne und Absichten er habe. Man solle ihm ein paar Tage Ruhe gönnen, dann werde er sich sicher äußern, sagte Genscher. Nach Angaben des ehemaligen Außenministers wird Chodorkowski an diesem Samstag mit Angehörigen zusammentreffen.