Es ist tatsächlich passiert, mindestens einmal. Die türkische Hürriyet schrieb in ihrer Ausgabe am Dienstag: "Gerd Müller, Star des FC Bayern München und Torschützenkönig der Nationalmannschaft, wird Minister."  Das ist natürlich Quatsch, Minister für Entwicklungszusammenarbeit wird nicht Gerd Müller, der Bomber der Nation, sondern Gerd Müller, der CSU-Politiker. Der lächelt nur noch routiniert, wenn er auf  seinen berühmten Namensvetter angesprochen wird. Die Verwechslung zeigt vor allem, wie unbekannt der neue Minister ist. Und zwar nicht nur bei türkischen Journalisten, sondern auch in Deutschland. Müller ist der No-Name im neuen Kabinett.

Wer also ist Gerd Müller?

Sein Lebenslauf ist der eines gradlinigen CSU-Politikers. 1955 geboren, wächst Müller auf dem elterlichen Hof in Schwaben auf. Auf die kaufmännische Ausbildung folgen Abitur und Studium, parallel dazu beginnt er, Politik zu machen: Mit 21 Jahren wird Müller zweiter Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Krumbach, auf einer eigenen Liste der Jungen Union. Er macht schnell Karriere, geht mit 25 Jahren ins bayerische Wirtschaftsministerium in München und arbeitet dort unter anderem als Oberregierungsrat. Und Müller promoviert – über sich selbst. 1987 reicht er seine Doktorarbeit über Die Junge Union Bayerns und ihr Beitrag zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung ein – als amtierender Landesvorsitzender eben jener Jungen Union Bayerns.

Der junge Konservative Müller tut sich in dieser Zeit auch mit ein paar radikalen Ansichten hervor, wie sie unter jungen Konservativen öfters vorkommen: 1987 fordert er die Todesstrafe für Drogendealer. Nachdem Edmund Stoiber und Erwin Huber sich von ihm distanzieren, nimmt Müller die Forderung zurück. Im gleichen Jahr organisiert Müller eine Demonstration gegen Abtreibung. Seiner Karriere schaden diese Skandälchen nicht. 1989 wird Müller Europaabgeordneter in Straßburg, 1994 zieht er für den Wahlkreis Oberallgäu in den Bundestag ein. 

Dort bleibt er zunächst unauffällig, ein Hinterbänkler. Nur im Jahr 2000 hält er eine Rede, die heute weitsichtig erscheint. Die Europäische Union hatte gerade Griechenland in den Euro-Raum aufgenommen, Finanzminister Hans Eichel beglückwünscht sich selbst im Bundestag, dass Griechenland mit seinem "Beitrag zur Kultur Europas" nun auch zur Währungsunion gehört. Müller, damals außen- und europapolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, tritt nach Eichel ans Rednerpult und warnt: "Herr Eichel, die Aufnahme Griechenlands in den Euro-Kreis zum jetzigen Zeitpunkt war ein schwerer Fehler." Müller unterfüttert seine Behauptung mit Zahlen: "Die Staatsverschuldung betrug 104 Prozent. Bei der Inflationsbekämpfung wurde manipuliert. Sie haben die Kriterien einfach einmal mit links hinweggeschoben und das Vertrauen in den Euro beschädigt." Auch Müller selbst wusste damals wohl nicht, wie Recht er einmal bekäme.

Dann wurde er Agrarpolitiker. Seit 2005 ist Müller parlamentarischer Staatsekretär im Ministerium für Landwirtschaft. 2009 wird der Diplom-Wirtschaftspädagoge Honorarprofessor für Internationale Agrarpolitik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden.

Kritik von Opposition und Entwicklungshilfeorganisationen

Müller versteht unter internationaler Agrarpolitik vor allem: Exportförderung für deutsche Lebensmittel. Stolz schreibt Müller: "Bereits heute erlöst die deutsche Ernährungswirtschaft auf den Auslandsmärkten nahezu jeden dritten Euro." Im Jahr 2013 stieg der Absatz deutscher Lebensmittel im Ausland um 6,5 Prozent, besonders der Handel mit deutschem Fleisch und deutscher Milch boomt. 

Genau solche Agrarpolitik ist es aber, die nach Meinung vieler Entwicklungshilfeorganisationen ärmeren Ländern schadet. Germanwatch und INKOTA argumentieren: Weil die deutschen Lebensmittel durch Subvention so billig sind, dass kein Kleinbauer in Afrika im Preiskampf mithalten kann, gefährde diese Politik die Entwicklung. Von den 8 Millionen Tonnen Fleisch, die jährlich in Deutschland hergestellt werden, werden 1,6 Millionen exportiert. Laut dem evangelischen Entwicklungsdienst "zerstören Fleischimporte aus der EU, den USA und Brasilien weiterhin die Existenzen von Tausenden von Kleinbauern in West- und Zentralafrika." Müllers bisherige Arbeit, so ihre Perspektive, widerspricht den eigentlichen Zielen des Ministeriums, das er nun leiten wird. 

Noch deutlicher sagt das Uwe Kekeritz, Bundestagsabgeordneter der Grünen und Mitglied im Ausschuss für Entwicklung: "Das Ministerium darf nicht zum Außenamt des Deutschen Bauernverbands werden." Müller müsse eine Wende vollziehen und zeigen, dass er sich für die Belange von Entwicklungs- und Schwellenländern einsetze. Auch Kekeritz' Kollegin Heike Hänsel von der Linkspartei befürchtet, dass sich Müller weiterhin für die Interessen der Nahrungsmittelindustrie einsetzen wird: "Die Entwicklungszusammenarbeit braucht einen unabhängigen Minister, keinen Lobbyisten!"

Damit steht Müller unter einem ganz ähnlichen Verdacht wie sein Amtsvorgänger Dirk Niebel. Der FDP-Politiker wurde während seiner gesamten Amtszeit dafür kritisiert, Entwicklungszusammenarbeit als Außenhandelsförderung zu betreiben. Er legte Programme auf, die deutschen Unternehmen dabei helfen sollten, in ärmeren Ländern Projekte zu starten, die dann auch der Entwicklung dienen sollten.

Wie sehr auch Müller die Entwicklungspolitik aus deutscher Perspektive betrachtet, machte er am Dienstag im Nebensatz eines Fernsehinterviews klar. Er will den afrikanischen Kleinbauern helfen, damit sie nicht zu Flüchtlingen werden. "Die Alternative ist, dass Millionen zu uns kommen."