Es ist eine beeindruckende Leistung. Mit 80 Prozent der Sitze im Bundestag hat die Große Koalition eine Mehrheit, von der eine normale Partei in einem normalen Land nur träumen kann. Wenn die GroKo Microsoft Windows wäre, würde sich das Bundeskartellamt einschalten.

Wir wollen nicht den großen Vorteil einer allein regierenden GroKo verschweigen: Die "Zweidrittelmehrheit" wird schon dadurch erreicht, indem Frau Merkel und Herr Gabriel zusammen einen Kaffee trinken. Wollten die Zwei eines morgens die Verfassung aushebeln oder Krieg erklären, hat sie/er/es locker die Stimmen dafür, es muss mit der Opposition nicht mal diskutiert werden. Dass niemand höflich fragt, ob eine solche Koalition, die die Zweidrittelmehrheitsregelung faktisch aushebelt, überhaupt verfassungskonform ist, erstaunt mich ehrlich gesagt.

Denn in Deutschland gibt es jetzt gar keine Opposition mehr.

Mit ihren 20 Prozent können die Linken und die Grünen die nächsten vier Jahre zu Hause bleiben. Was sollen sie im Bundestag tun? Im Plenarsaal Stand-up-Comedy üben? Sich Femen anschließen und bei jedem neuen GroKo-Gesetz nackt durch die Gänge laufen? Ich traue Gregor Gysi und Christian Ströbele einiges zu, aber würden ihre Wähler sie ohne Schal und Krawatte überhaupt noch erkennen? 

Mehr Parteien = mehr Demokratie?

In Amerika und in anderen vernünftigen Ländern, die ein Zweiparteiensystem pflegen (überhaupt, es gibt nur eine Handvoll Länder, die Große Koalitionen wählen), wissen wir, egal, welche Partei gewinnt: Die Verliererpartei wird eine sehr verärgerte, sehr mächtige Opposition abgeben. Da lobe ich mir die Republikaner. Der Shutdown und die anderen überkandidelten Auseinandersetzungen mit Obama dieses Jahr haben auch mich schockiert, aber im Rückblick sage ich: Das war Opposition mit Hand und Fuß. Das war Demokratie.

In Deutschland dagegen hält man sich immer noch an das gleiche Koalitionssystem, das Hitler möglich machte. Hier bildet man sich ein, mehr Parteien bringen "mehr" Demokratie. In Wahrheit ist das System dazu aufgebaut, die Opposition zu schwächen. Denn es gibt immer eine Regierungskoalition, aber nie eine Oppositionskoalition. Je mehr Kleinparteien die Opposition ausmachen, umso mehr müssen sie erst mal miteinander konkurrieren. So ist die Regierung immer einig, die Opposition stets zerstritten.

Warum die Deutschen dennoch immer wieder zur Großen Koalition greifen, ist mir ein Rätsel. Vielleicht liegt es an dem irrigen Glauben, die Zukunft vorhersehen zu können.

Viele Wähler stellen sich im Kopf eine Wunschkoalition vor, wenn sie ihre Stimme abgeben. Sie wählen zum Beispiel die Grünen in der Hoffnung, die SPD müsse mit ihnen koalieren, da gibt's Rot-Grün, klarer Fall.

Nur ist leider das, was faktisch dabei rauskommt, oft etwas, das jede Taktik toppt. Wenn im letzten September auf dem Wahlzettel "Große Koalition" gestanden hätte, hätte niemand es angekreuzt. Sie ist nur deswegen zustande gekommen, weil so viele Bürger sich nicht dazu durchringen konnten, eine Partei zu wählen, die dann auch tatsächlich regieren könnte. Wenn alle Wähler, die sich im September eine "rot-grüne" oder gar eine "rot-rote" Koalition wünschten, einfach direkt die SPD gewählt hätten, säße jetzt Steinbrück im Kanzleramt.

Oder irre ich mich? Das deutsche Gemüt ist ja mysteriös und tiefgründig. Vielleicht schwirren da einige dunkle Geheimnisse rum, die auch ich nicht mal ahne. Vielleicht will Deutschland die ganze Zeit eine Große Koalition und sonst gar nichts?

Eine moderne Form des wiedergekehrten, weisen Barbarossa?

Die Deutschen sehnen sich nach nichts mehr als nach Ruhe und Ordnung. Und nichts stört dieselbe so wie eine starke Opposition. Das konnte ich in den letzten Monaten beobachten, als in meiner Heimat die Republikaner mit großer Geste das Land an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs führten, um ihre Sache durchzusetzen. In den USA war man bloß genervt, in Deutschland aber glaubten die Menschen, die Weltwirtschaft breche zusammen und die Apokalypse stehe vor der Tür. So viel Leidenschaft und Kampfgeist in der Politik macht hierzulande nur Angst.

Ich bilde mir immer wieder ein, die Deutschen lieben die Demokratie, aber es kann gut sein, dass sie nur Demokratie lieben, solange es eine höhere Instanz gibt, die diese in ihre Schranken weisen kann. Vielleicht schwebt ihnen heimlich eine Art moderneres Kaiserreich vor, in dem der Kaiser alles bestimmt und die gewählte Opposition nur zum Schmuck da ist. Eine Art Einheitspartei wie die SED, nur eine, die man freiwillig gewählt hat. Vielleicht ist eine allein regierende, allmächtige GroKo nur eine moderne Form des wiedergekehrten, weisen Barbarossa, nach dem alle sich sehnen, und dem sich alle freiwillig fügen.

Warum sonst würden so viele Deutsche "taktisch" wählen? Sie wissen, dass eine Große Koalition mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei rausspringt. Es kann nur Absicht sein.

Wenn dem so ist – wenn die Deutschen sich wirklich eine Art gewählten Kaiser wünschen – dann gibt es für die GroKo nur einen Weg in die Zukunft: SPD und CDU müssen sich zu einer Partei zusammenschließen.

Das wäre auch die Gelegenheit, sich endlich einen modernen, coolen Namen zu verpassen, wie "Die Piraten", "Die Linken" oder "Die Grünen". Als Fan japanischer Monsterfilme ziehe ich persönlich "GroKoZilla" vor, aber wenn es etwas konservativer sein muss, klingt auch "Die Konsenspartei" gut. Andererseits könnte man auch an bewährte Traditionen anschließen, indem man sich einfach "Die Muttis" nennt.