ZEIT ONLINE: Welches Signal ist die Berufung von Ursula von der Leyen als neue Verteidigungsministerin?

Anja Seiffert: Es ist ein gutes Signal sowohl in die Gesellschaft als auch in die Bundeswehr und das Ministerium hinein, dass dieses wichtige Ressort erstmals von einer Frau geführt wird.

ZEIT ONLINE: Es ist die meistdiskutierte Personalie im neuen Kabinett. Warum?

Seiffert: In anderen europäischen Ländern, wie Schweden, Norwegen, den Niederlanden oder Frankreich ist eine Verteidigungsministerin nichts Neues. Wir in Deutschland sind da Nachzügler. 

ZEIT ONLINE: Wie weiblich ist die Bundeswehr heute?

Seiffert: Dass Frauen ohne Einschränkungen Zugang zu allen Bereichen der Bundeswehr haben, ist erst seit 2001 als Reaktion auf das Urteil des europäischen Gerichtshofes im Fall Tanja Kreil möglich. Frauen haben hart dafür gekämpft, Positionen in der Sicherheitspolitik oder in den Streitkräften zu erreichen und mit ihren Perspektiven sichtbar zu werden. Heute führen Frauen Kompanien, sind bei Auslandseinsätzen dabei und können zum KSK (Kommando Spezialkräfte) gehen. Sie reden nicht nur mit, sondern sie entscheiden auch. Dennoch sind Sicherheits- und Verteidigungspolitik immer noch männerdominiert. Der Anteil der Frauen in der Bundeswehr liegt derzeit bei etwa 13 Prozent, angestrebt sind 15 Prozent.

ZEIT ONLINE: Ist der Umgang zwischen Männern und Frauen in der Bundeswehr entspannter geworden?

Seiffert: Sozialwissenschaftliche Studien weisen auf eine fortschreitende Normalisierung im Umgang miteinander. Insofern kann man sagen: Die Akzeptanz von Frauen ist auf einem guten Weg. Selbstzufrieden sollte man deshalb aber nicht sein.

ZEIT ONLINE: Die Bundeswehr hat Nachwuchsprobleme. Erhofft man sich, dass eine Verteidigungsministerin der Truppe zu einem neuen Image verhilft?

Seiffert: Welche Politik gemacht wird, hat weniger mit dem Geschlecht zu tun. Da braucht man nur einen Blick in die Niederlande zu werfen. Die niederländische Armee beteiligt sich mit Kampfhubschraubern und Special Forces am Einsatz in Mali und das unter einer Verteidigungsministerin. Wesentlich geht es um die Agenda und nicht darum, wie sich eine Frau als oberste Befehlshaberin der Bundeswehr verhält. Entscheidend ist, wie die deutsche Sicherheitspolitik künftig aussehen wird, welche politischen Ziele Frau von der Leyen als Verteidigungsministerin international durchsetzen wird und wie sie in der Zusammenarbeit mit Bündnispartnern agiert. In der Tat sind aber auch "emotionalere" und weichere Faktoren, etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Bundeswehr wichtige und entscheidende Zukunftsfragen. Wir haben eine Freiwilligenarmee und wenn man die Attraktivität des Soldatenberufs steigern möchte, steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie Planungssicherheit für die Soldaten und ihre Familien ganz oben.

ZEIT ONLINE: Welches Fragen stellen sich da?

Seiffert: Zum Beispiel: Wie organisiert man Kitaplätze für die Kinder von Soldatinnen und Soldaten? Wie wird die begonnene Reform, die Neuausrichtung der Bundeswehr weiter geführt? 

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Ursula von der Leyen als Ministerin akzeptiert wird?

Seiffert: Aus meiner Sicht ist es wichtig, ein Ohr in der Truppe zu haben, mit den Soldatinnen und Soldaten zu kommunizieren und wahrzunehmen, wie politische Entscheidungen dort aufgenommen werden. Und natürlich ist es bei so wichtigen Fragen wie Krieg und Frieden gut, wenn man auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen kann.

ZEIT ONLINE: Ist es ein Problem, dass Frau von der Leyen bisher keine Erfahrung mit der Bundeswehr hat?

Seiffert: Das Argument, eine Frau wie Ursula von der Leyen habe selbst keine Erfahrung in der Bundeswehr, zählt nicht. Denn selbst ein so beliebter Verteidigungsminister wie Peter Struck hat dies auch nicht getan. Man muss nicht gedient haben, um dieses wichtige politische Amt gut zu erfüllen.