Nach zwei Monaten und 185 Seiten Koalitionsvertrag lautet die faszinierendste Frage: Wo war, wo bleibt Angela Merkel, die Strahlende, die im Vergleich zu 2009 fast acht Prozentpunkte mehr kassiert hat?

Von ihr war in diesem zähen Gewoge fast nichts zu hören; die wiedergewählte Chefin der Nation blieb so gut wie stumm. Daran darf der journalistische Sinnstifter zwei verschiedene Theorien knüpfen.

Die eine: So ist sie, und sie ist gut damit gefahren, seit dem märchenhaften Aufstieg von Kohls "Mädchen" zur "Mutti" der Nation. Sie hat nicht geboxt, sondern Ju-Jutsu betrieben: den Kampfsport, wo der scheinbar Schwächere das überlegene Gewicht seines Gegners per Ausweichmanöver und Hebelbewegung zu Fall bringt (Der FDP-Politiker Kubicki spricht von einer Aikido-Kämpferin, die den "Schwung des Gegners nutzt".)

Oder sie wartet ab mit einem traumhaften Gespür für Timing. Bis der Mann, der ihr im Weg steht, schon strauchelt, um in der Parteispendenaffäre den ersten Stein gegen Parteichef Kohl zu werfen. Bis der Rivale Roland Koch von allein aufgibt. Bis ihr Ziehsohn Norbert Röttgen die NRW-Wahl krachend verliert. Bis sie den "Andenpaktler" Christian Wulff auf den Posten des Bundespräsidenten abschieben kann. Abzuwarten bleibt noch, wie Merkel mit der letzten noch verbleibenden Rivalin von der Leyen verfährt.

Das ist nicht nett, aber Politik im Sinne von Machterhalt und -gewinn ist auch kein nettes Geschäft.

Eine zweite Theorie nährt sich von dem nachtwandlerischen Gespür für die Seelenlage des Wahlvolkes. Kaum war der atomare Notstand in Fukushima ausgebrochen, proklamierte Merkel die Energiewende: weg mit den Kernkraftwerken, auf zu Sonne und Wind. Hier wurde es schon problematischer: Der Strompreis steigt, der CO2-Ausstoß auch (2012 um zwei Prozent) – und Deutschland muss den Megawatt-Überschuss ans Ausland verschenken. Derweil sinken die Gas- und Ölpreise in Amerika – und bald auch anderswo.

Die Groko-Verhandlungen spiegeln beide Theorien wider. Zum einen: Die Kanzlerin schweigt, jedenfalls öffentlich, und lässt die anderen auf die Matte gehen – die Seehofers und Gabriels, dahinter die zweite Garnitur vom Schlage Andrea Nahles (SPD). Zum anderen: Sie schwimmt abermals auf den Stimmungen. Sie lässt die Koalition nach links gleiten – just dorthin, wo Volkes Stimmung sie haben will und wie es die jüngsten Meinungsbilder der Umfrageinstitute zeigen.

Der Koalitionsvertrag enthält Goodies für fast jedermann – hier mehr Rente, dort eine kürzere Lebensarbeitszeit. Die schröderschen Arbeitsmarktreformen werden sanft demontiert, es kommt ein Mindestlohn, der in manchen Branchen und Gegenden dezidiert über dem Marktlohn liegt. Das Volk will mehr staatliche Für- und Vorsorge? Es soll sie kriegen.

Wer dafür bezahlen soll? Die Koalition zählt auf das Prinzip Hoffnung – wonach bleibendes Wachstum immer mehr Steuern in die Staatskasse spült. Freilich dürften Mindestlohn und der Rollback des Niedriglohnsegments die Arbeitslosigkeit und die Sozialausgaben erhöhen. Aber darüber – und über Mehrschulden – zerbrechen wir uns den Kopf morgen.

Dem Sterblichen ist die Gabe der Prophetie nicht gegeben, aber er muss trotzdem fragen, ob diese Mischung aus Ruhigstellungs- und Stimmungspolitik zukunftsträchtig ist, auch wenn das Volk es so will. Die Energiewende zeigt schon deren Grenzen, dito den Punktsieg der schwächeren SPD. Ju-Jutsu können auch die Genossen lernen. Ein Staat lässt sich ebenso wenig wie ein Unternehmen durch Abwarten und Ausgleich führen.

Die großen Kanzler dieser Republik – Adenauer, Brandt, Kohl (zumindest in der Außen- und Sicherheitspolitik) und Schröder – haben den Kurs gesetzt. Merkel bewegt die Ruderpinne nur um ein, zwei Grad. Das reicht in ruhigen Gewässern, nicht im reißenden Strom der Weltpolitik und Weltwirtschaft.