Nur sorgt das im neuen Regierungslager offiziell für wenig Aufregung. Andrea Nahles, bald neue Arbeitsministerin, erinnert daran, dass Merkel zum Start der Großen Koalition 2005 noch weniger Stimmen erhielt. Damals waren es 51 weniger, als die Koalitionsparteien Sitze hatten (448).

Hinzu kommt: Die Mehrheit von Union und SPD im Bundestag ist so üppig, wie sie nie war, lediglich 127 Abgeordnete von 631 gehören der Opposition aus Grünen und Linkspartei an. Weswegen Merkel als die Kanzlerin in die Geschichte eingehen könnte, die die meisten absoluten Ja-Stimmen für ihre Wahl bekam. Und auch die relativ größte Zustimmungsrate erreichte: 74 Prozent aller Bundestagsabgeordneten.     

Entsprechend locker sehen die Abgeordneten das mit den fehlenden Stimmen. Von SPD-Seite heißt es später, es seien doch gar nicht so viele Abweichler, wenn man bedenkt, dass es sogar einen Mitgliederentscheid brauchte, um die Große Koalition abzusegnen. 

Aber kamen die Abweichler wirklich alle aus der SPD? "Das waren nicht nur wir", sagt eine sozialdemokratische Abgeordnete. Angehörige des Wirtschaftsflügels der Union, keine Freunde eines Bündnisses der SPD, betonen, sie hätten für Merkel gestimmt: "Das waren bei uns einige wenige Enttäuschte, die bei den Posten übergangen wurden."

Während die Parlamentarier noch die Abstimmung aufarbeiten, erhält Merkel schon im Schloss Bellevue vom Bundespräsidenten ihre Ernennungsurkunde. Sie kommt zurück in den Bundestag, schwört und ist schon wieder weg: In Bellevue werden nun die Minister ernannt. Aufgereiht stehen sie fürs Foto nebeneinander: sechs CDUler, sechs SPDler und drei CSUler – alle schwarz oder grau gekleidet, bis auf die neue sozialdemokratische Familienministerin Manuela Schwesig, die knallrot trägt. Zur gleichen Zeit wechselt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, frisch abgelöste Justizministerin der FDP, ihren Namen auf Twitter: Sie ist nun nicht mehr SLS_BMJ (für Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerium der Justiz), sondern SLS_FDP.

Danach kehrt das neue Kabinett in den Bundestag zurück, um ebenfalls den Amtseid abzulegen. Doch die Minister sind noch etwas zögerlich: Setzen sie sich schon auf die Regierungsbank, wenn sie zwar bereits vom Bundespräsidenten ernannt, aber noch nicht vereidigt sind? Umweltministerin Barbara Hendricks bleibt etwas unschlüssig vor ihrem Platz stehen. Sozialministerin Andrea Nahles hingegen gesellt sich zu Wolfgang Schäuble, der sich an seinen Platz hat schieben lassen.

Lammert eröffnet die Sitzung ein drittes Mal. Tagungsordnungspunkt "Bildung der Bundesregierung". Nach und nach ruft er die Minister nach vorne zum Schwur. Nur Digitalminister Alexander Dobrindt hat es ein wenig zu eilig. Er glaubt, an der Reihe zu sein, läuft in Richtung Lammert. Dieser muss ihn stoppen: "Vorher ist noch der Minister für Justiz und Verbraucherschutz dran." Gelächter im Saal.

Die Mitglieder der neuen Regierung schwören alle auf Gott, ein bisschen schüchtern manche, wie Thomas de Maizière, und fröhlich andere, wie Andrea Nahles. Kurz danach löst sich die Gesellschaft auf, die Minister erwartet ein erster Rundgang in ihren neuen Häusern.

Sie müsse noch üben, wie man eine Front abschreitet, rief Verteidigungsministerin von der Leyen am frühen Morgen einem ZDF-Journalisten zu, der eigentlich gerne ein Interview mit ihr führen wollte. Später am Tag läuft Leyen an den Soldaten entlang. Pannen sind erst mal nicht überliefert. Die Große Koalition kann beginnen.