Fehlerfreie Politik ist eigentlich unmöglich. Das muss man wissen, um zu ermessen, wie brillant der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel in den vergangenen Wochen Politik gemacht hat. Ein falscher Satz kann alles zerstören, eine falsche Entscheidung die eigene Partei oder wichtige Partner entrüsten. Ein Parteichef, der gerade eine Wahl verloren und eine Koalition vor sich hat, die seine eigenen Leute nicht wollen, kann verdammt viel falsch machen. Seit der Bundestagswahl warteten die politischen Journalisten nur auf eine klitzekleine Schwäche Gabriels, auf eine schlecht gesetzte Forderung, auf einen im Ton nur leicht verrutschten Auftritt.

Er hat ihnen den Gefallen nicht getan. Gabriel hat nahezu perfekte und fehlerfreie Wochen hinter sich. Stück für Stück hat er den Tanker SPD umgesteuert, um 180 Grad fast, aus dem Tief der Wahlniederlage auf Regierungskurs gebracht und der Partei wie nebenbei ein Selbstbewusstsein und eine Einigkeit verpasst, wie es sie viele, viele Jahre nicht mehr gab. Unglaublich eigentlich: Knapp drei Monate nach den desaströsen 25,7 Prozent feiern die Sozialdemokraten! Das ist vor allem das Verdienst des Parteichefs.

Bei 77,9 Prozent lag die Beteiligung beim Mitgliedervotum. Als die Parteispitze das am Samstag verkündete, jubelten die Genossen euphorisch und völlig zu Recht. Das ist ein höherer Wert als bei der Bundestagswahl (71,5 Prozent). Mit den vielen Regionalkonferenzen hat Gabriel Medienanlässe geschaffen, die ihm nur nutzen konnten: Die Presse hat mit jedem Artikel, mit jedem Fernseh- und Radiobeitrag indirekt Werbung für das Mitgliedervotum gemacht.

Die Parteiführung hat das Votum als basisdemokratisches Mitmach- und Anpack-Event inszeniert, mit Fototerminen für die Ankunft der Stimmzettel und einer Fabrik-Atmosphäre bei der Auszählung, die zeigen sollte: Hier wird für die Demokratie noch gearbeitet, und zwar freiwillig. Dass doch vor allem für die eigene Partei gearbeitet wurde, ist zweitrangig. Das Mitgliedervotum war keine Beteiligungsrevolution, es hat zuerst der SPD genutzt.

Dass am Ende nur knapp ein Viertel gegen den Koalitionsvertrag stimmte, wäre nach der Wahl noch undenkbar gewesen. Gabriel aber hatte einfach die besseren Argumente. Auch dank des Drohpotenzials des Mitgliedervotums ist es ihm und seinen Mitstreitern gelungen, einen sehr sozialdemokratischen Koalitionsvertrag auszuhandeln. Ob das Ergebnis für das Land gut ist, ist eine ganz andere Frage, aber für die SPD ist er es sicher. Sozialdemokraten, die mehr als diesen Vertrag von Gabriel erwartet haben, erwarteten Unmögliches. 192 von 193 SPD-Abgeordneten waren für die Große Koalition. Die potenzielle Gegenspielerin Hannelore Kraft und der gesamte Parteivorstand umringten am Samstagnachmittag Gabriel und applaudierten ihm, dem fehlerfreien Triumphator.

Merkel wird kein Fitzelchen Macht an Gabriel abtreten

Es gehört aber auch zum Schicksal von Spitzenpolitikern, dass sie ihre Erfolge kaum genießen können. Immer wartet schon der nächste Brocken, immer ist da ein nächster Fehler, der zu vermeiden ist. Für Gabriel heißt das: Er muss nun verhindern, dass auf den großen Jubel die große Ernüchterung folgt. So aufgeputscht sind die Sozialdemokraten, fast wie auf Drogen, dass sie vielleicht das eigene Schicksal nicht mehr erkennen: als kleiner Partner einer übermächtigen Union und einer noch übermächtigeren Kanzlerin.

Angela Merkel hat der SPD den großen Auftritt gelassen, ihr Ding ist das sowieso nicht. Aber die Macht wird sie Gabriel nicht abtreten, kein Fitzelchen. Während die Sozialdemokraten sich im Selbstgespräch verausgabt haben, konnten Merkel und ihre Minister sich ausruhen. Sie warten lächelnd auf die aufgedrehte SPD. Deren Basis könnte im Gefühl des Triumphs nun leicht mehr von ihren Ministern erwarten, als diese gegen die Union tatsächlich durchsetzen können. Gabriel muss sich und sie nun schnell abkühlen.