Wenn Charlotte E. an diesem Abend ins Bett geht, wird sie sich wohl nicht daran erinnern, dass sie als Zeugin in einem Mordprozess aufgetreten ist. Die 91-Jährige leidet unter Demenz. Sie weiß nicht mehr viel von dem, was in ihrem Leben passiert ist: Der zweite Weltkrieg kam und ging, sie siedelte aus Zwickau nach Dortmund über. Nach 50 Jahren, als ihr Mann gestorben war, kehrte sie in die Heimat zurück. Ihren Lebensabend wollte sie in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Frühlingsstraße 26 in Zwickau verbringen, ganz in der Nähe ihrer Familie. Nun wohnt sie in einem Pflegeheim.

Im gut 350 Kilometer entfernten Oberlandesgericht München sitzt Beate Zschäpe, angeklagt des versuchten Mordes an Charlotte E. Am 4. November 2011 steckte Zschäpe der Anklage zufolge die Wohnung in Brand, in der sie mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewohnt hatte. Direkt nebenan lebte Frau E., das Haus ging in Flammen auf, die Gehbehinderte war in Lebensgefahr. Bevor das Feuer auf die andere Haushälfte übergriff, holten ihre Nichten Frau E. aus der Wohnung.

Am 71. Verhandlungstag sagt E. deswegen als Zeugin im NSU-Prozess aus. Weil ihr die Fahrt nach München nicht zuzumuten gewesen wäre, hat Richter Manfred Götzl erstmals eine Videovernehmung angeordnet. Auf den Projektionsflächen im Gerichtssaal erscheint der Raum im Zwickauer Altenheim St. Barbara. Frau E. sitzt im Rollstuhl, trägt einen grünen Pullover mit weißen Seidenstickereien. Ihre Hände hat sie auf dem Schoß gefaltet, den Kopf erhoben. Neben ihr sitzen eine der Nichten, ein Polizist und die Leiterin des Heims.

Schon die erste Antwort lässt auf sich warten. Als Götzl fragt, wie es ihr gehe, sagt sie leise: "Nicht so gut." Ihre Stimme krächzt, jedes Wort bereitet Mühe. Die Kameras im Saal senden Bilder von Staatsanwälten, Nebenklägern und Angeklagten nach Zwickau, auch Beate Zschäpe ist zu sehen. Frau E. reagiert nicht.

Fragwürdige Vernehmung

Dass es zu dieser mühsamen Vernehmung kommt, dafür hatten sich die Verteidiger von Beate Zschäpe eingesetzt. Mehrmals forderten sie, E. anzuhören und beantragten ein Gutachten zur Aussagefähigkeit. Die Anwälte meinen, einen guten Grund für ihre Beharrlichkeit zu haben: E. könnte Zschäpe vom Mordvorwurf entlasten.

Sie bezweifeln die Version der Bundesanwaltschaft über die Ereignisse des 4. November 2011. Demnach erfuhr Zschäpe vom Selbstmord ihrer Kameraden Mundlos und Böhnhardt. Weil der NSU damit so gut wie enttarnt war, goss sie einen Kanister Benzin in der Wohnung aus und setzte die Flüssigkeit auf unbekannte Weise in Brand. Der Anklage zufolge wollte Zschäpe die Beweise in der Wohnung vernichten. Dann sei sie aus der Wohnung gerannt und habe ihre Flucht durch Deutschland begonnen. So habe sie den Tod der alten Dame von nebenan in Kauf genommen.