Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bewertet große Teile der arbeitsmarkt- und rentenpolitischen Passagen im schwarz-roten Koalitionsvertrag positiv. So werde mit Einführung eines allgemeinen, flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro ab 2015 die Einkommenssituation von Millionen Menschen verbessert, sagte  ver.di-Chef Frank Bsirske . Allerdings zeige der Koalitionsvertrag auch, dass es in manchen Punkten für die Arbeitnehmervertreter weiterhin noch einiges an Arbeit gebe – etwa bei der Leiharbeit und bei Werksverträgen.

Ver.di will ebenso wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) trotz einer grundsätzlich positiven Einschätzung keine Empfehlung an die SPD-Mitglieder abgeben. Von diesem Freitag an bis zum 12. Dezember sind die rund 475.000 SPD-Mitglieder aufgerufen, über den schwarz-roten Koalitionsvertrag abzustimmen.

Das Handwerk sieht die Vereinbarungen dagegen kritisch: "Der Mittelstand, das Handwerk und unsere Beschäftigten zahlen die Zeche dafür, dass Union und SPD Wahlgeschenke verteilen können", sagte der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, der Rheinischen Post . "Wenn die Rentenkasse Mehrausgaben in zweistelliger Milliardenhöhe verkraften muss, ist das negativ für Wachstum und Beschäftigung, weil jetzige und künftige Beitragszahler belastet werden." Die schwarz-rote Rentenpolitik könne Jobs gerade im Handwerk kosten.

Bsirske sagte hingegen, in dem Vertrag werde deutlich, dass nach einem Jahrzehnt bei der "Entsicherung der Arbeitnehmerschaft" endlich gegengesteuert werden solle. Er zeigte sich zuversichtlich, dass es auch nach 2017 kein Zurück mehr hinter die schwarz-rote Mindestlohnvereinbarung gebe. Weiter positiv sei, dass Tarifverträge künftig leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden könnten. Bsirske begrüßte auch die Ausweitung der Mütterente. Und die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren nach 45 Beitragsjahren dämme die negativen Auswirkungen der Rente mit 67 ein.

Das Verhältnis der Gewerkschaften zur SPD sei wieder besser geworden, nachdem die Agenda 2010 und die Rente mit 67 einen Tiefpunkt in den Beziehungen gebracht habe, sagte Bsirske und sprach von einer "Resozialdemokratisierung" in den vergangenen Jahren. Auch die Kontakte zur Union und zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hätten an Intensität zugenommen. Der ver.di-Chef sagte, dass sich Merkel während der Koalitionsverhandlungen sieben Stunden Zeit für die Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften genommen habe.