Die Zuschauerbänke und die Pressebänke waren an diesem Donnerstag im Landgericht Hannover wieder gut gefüllt. Denn nach fünf Wochen meist ermüdender Zeugenvernehmungen hatte der Vorsitzende Richter Frank Rosenow in dem Korruptionsprozess gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff und den mit ihm befreundeten Filmunternehmer David Groenewold ein Zwischenfazit angekündigt. In der letzten Sitzung vor Weihnachten erwarteten nicht nur die beiden Angeklagten und die Staatsanwaltschaft, sondern auch die Beobachter daher mit Spannung, ob das Gericht Hinweise für einen möglichen Freispruch oder gar ein vorzeitiges Ende des Verfahrens geben würde.

Doch zunächst lief es wie in den Prozesstagen zuvor. Eine weitere Zeugin wurde vernommen zu jenem Oktoberfestbesuch 2008, der Wulff und Groenewold die Anklage wegen des Verdachts der Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung eingebracht hatte, eine Kellnerin, die die beiden und ihre Begleitung seinerzeit im Käfer-Festzelt bedient hatte. Weil die Dame nicht aus Österreich anreisen konnte, wurde sie vom Richter per Videokonferenz befragt.

Doch auch sie konnte sich, wie fast alle Zeugen zuvor, an so gut wie nichts erinnern. Weder, wer vor fünf Jahren alles mit am Tisch gesessen, noch was wer gegessen und getrunken hatte, und auch nicht – das Entscheidende – wer die Rechnung von 3.209 Euro am Ende bezahlt hatte. Das Gericht erfuhr von ihr nur, dass es an dem Tisch im Vergleich zu anderen "sehr gesittet" zugegangen sei, dass fünf Flaschen Dom Perignon serviert wurden und dass Wulffs Frau, aber er wohl eher nicht von dem Champagner getrunken habe. Üblich sei es im Käfer-Zelt, dass derjenige die Rechnung komplett begleiche, der den Tisch reserviert hat, sagte die Frau – in diesem Fall war das Groenewold. Da hatten dann auch der Staatsanwalt und die Verteidiger keine Fragen mehr.

Ähnlich war es zuvor schon bei der Vernehmung der anderen Zeugen gewesen. Niemand hatte sich an Konkretes erinnern können: Weder die Mitarbeiter des Münchner Hotels Bayerischer Hof, in dem Wulff und Groenewold damals abgestiegen waren, wobei Groenewold einen Teil der Kosten von Wulff übernommen hatte, noch der Kellner eines Restaurants, in dem beide in Begleitung von Bettina Wulff auf Rechnung von Groenewold laut Anklage gegessen haben sollen, noch beider Sekretärin oder die Personenschützer von Wulff. Und auch die Vernehmung der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihres Mannes, des Verlegers Hubert Burda, oder von Bettina Wulff, die mit im Festzelt saßen, hatte irgendetwas ergeben, was die Anklage stützte.

Keine Beweise für die Anklage

So überraschte es auch fast niemanden im Saal, als Richter Rosenow mit seiner vorläufigen Bewertung des bisherigen Prozessverlaufs begann – mit der Begründung, das Verfahren abzukürzen. Schon da war klar, dass aus Sicht des Gerichts von der Anklage so gut wie nichts übrig geblieben ist.

Die Erklärung des Richters lässt sich kurz zusammenfassen: Für den Vorwurf der Vorteilsnahme durch Wulff und der Vorteilsgewährung durch Groenewold gibt es bislang keine Beweise. Denn dies würde voraussetzen, dass er davon gewusst habe. Davon, dass Groenewold einen Teil der Kosten für Wulffs Suite im Bayerischen Hof übernommen habe, habe er jedoch nach eigener Aussage keine Kenntnis gehabt, und dies sei nicht widerlegt worden. Ergo: kein Vorteil in Bezug auf sein damaliges Amt. Auch der niedrige Preis für das Hotelzimmer, den er selber bezahlen musste, "muss ihn nicht stutzig gemacht haben", so der Richter.

Das Gleiche gelte für den Babysitter, den Groenewold zunächst für die Wulffs bezahlt habe. Auch davon habe Wulff offenkundig nichts gewusst, und als er es erfuhr, die Kosten von 110 Euro seinem Freund sofort erstattet. Und bei dem gemeinsamen Restaurantbesuch, denn Groenewold bezahlt haben soll, sei das Gericht nicht überzeugt, dass er überhaupt stattgefunden habe.Was den Abend auf der Wiesn aber betrifft, sah das Gericht ebenfalls keinen unzulässigen Vorteil für Wulff. Von der Gesamtrechnung seien nur etwa 200 Euro ihm und seiner Frau zuzurechnen, und dass sei gemessen an den Preisen auf dem Oktoberfest "sozialadäquat". Im Klartext des Richters: "Als Freund von Groenewold durfte er die Einladung annehmen."