In Amerika gibt es seit einiger Zeit Streit über einen Mann, der Staatsgeheimnisse verriet und dafür von den Behörden mit aller Härte verfolgt wurde. Nein, ich meine nicht Edward Snowden, sondern Jonathan Jay Pollard. Er hatte weder das Glück, international als Held gefeiert zu werden, noch zu entkommen. 1987 wurde er wegen Spionage verurteilt und sitzt seither im Knast; manche finden, das sei jetzt lang genug.

Das Interessante ist, an welches Land er Staatsgeheimnisse verkauft hat: an Israel. Nur zur Erinnerung: Das ist einer der engsten Verbündeten Amerikas und eines der wenigen Länder, das Amerika "Freund" nennt. Dennoch hat Israel uns ausspioniert. Interessant war auch die Reaktion in den USA: Nachdem Pollard verhaftet wurde, gab es tatsächlich ein paar diplomatische Unstimmigkeiten zwischen den USA und Israel – ungefähr ein, zwei Wochen lang. Dann war Ruhe.

Keiner tat so, als sei er überrascht, dass es so was wie Spionage unter Freunden gibt. Niemand verlangte nach einem No-Spy-Abkommen. Wieso auch? Das Recht und die Fähigkeit, andere Länder auszuspionieren, gehört zu den Merkmalen eines souveränen Staates, und kein Mensch mochte Israel durch die Blume unterstellen, es sei nicht souverän.

2013 wurden zwei chinesische Spione in den USA verhaftet und rausgeschmissen; gleichzeitig wurde bekannt, dass die chinesische Regierung jeden Tag Millionen Hackerangriffe gegen Ziele in den USA verübt. 2010 wurden die hübsche Anna Chapman und neun weitere Russen wegen Spionage verhaftet und des Landes verwiesen. In den 1980ern wurden die Franzosen alle paar Jahre erneut dabei erwischt, geheime Pläne aus den Büros von Boeing, IBM oder Texas Instruments zu stibitzen. Seitdem haben sie ihre Methodik verfeinert, aber niemand zweifelt daran, dass sie immer noch fleißig bei der Arbeit sind. Nur Wochen nach den Enthüllungen über chinesische Cyberspionage traf sich Obama mit dem chinesischen Präsidenten: Es war business as usual. Chapmans Aktivitäten waren für ganz Russland so peinlich, dass sie dort eine eigene TV-Show bekam.

Auch von Frankreich, China oder Russland hat niemand ein No-Spy-Abkommen verlangt. Wieso auch? Lieber würden Frankreich und Russland auf den Export von Kaviar und Käse verzichten als auf den Import von Geheimnissen. Unterzeichnete China jemals ein solches Abkommen, bräche seine ganze Wirtschaft am nächsten Tag zusammen.