Homosexualität als militärischer Makel

Der Kamerad sei schwul und auch noch HIV-positiv, erzählte ein Hauptbootsmann anderen Soldaten über einen Neuen in der Einheit. Von der Immunschwächekrankheit hatte der Truppenführer aus der Akte des Soldaten erfahren; den Rest reimte er sich zusammen. Schnell machte das Gerücht die Runde und erreichte schließlich auch den Betroffenen. Der beschwerte sich bei einem Vorgesetzten, doch der reagierte zunächst nicht. Also wandte sich der Geschmähte an die Polizei und stellte Strafanzeige. Erst danach leitete auch die Bundeswehr eine Disziplinarmaßnahme gegen den Hauptbootsmann ein. Er musste eine "Disziplinarbuße im oberen Bereich" zahlen, schreibt der Wehrbeauftrage des Bundestages in seinem Jahresbericht 2012.

Schwule und lesbische Soldaten haben es in der Bundeswehr bis heute nicht leicht. Seit dem Outing des ehemaligen Profi-Fußballers Thomas Hitzlsperger, wird darüber diskutiert, wie offen die Gesellschaft gegenüber Homosexuellen ist. Selbst die Kanzlerin ließ erklären, niemand dürfe heute Angst haben, sich zu seiner Sexualität zu bekennen. Doch in der Truppe ist damit nicht immer weit her, selbst wenn dort seit dem Fall Hitzlsperger verstärkt über den Umgang mit Homosexuellen in den eigenen Reihen gesprochen wird.

Offiziell ist in der Bundeswehr jede Benachteiligung homosexueller Soldaten untersagt. Doch wie in anderen männlich dominierten Bereichen gibt es auch in der Armee durchaus Probleme mit Homophobie. Viele Beschwerden von Betroffenen gibt es allerdings nicht. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus sprach jüngst von einer einstelligen Zahl von Bundeswehrangehörigen, die sich pro Jahr über Benachteiligung wegen ihrer sexuellen Orientierung bei ihm beklagen. Diese geringe Anzahl spreche nicht für "grundsätzliche Probleme".

Bei seinem Vorgänger Reinhold Robbe klang das noch anders: Eine "faktische Benachteiligung" könne "nicht absolut ausgeschlossen werden", stellte der SPD-Mann vor fünf Jahren fest.

Gemeldet werden vor allem verbale Entgleisungen. "Tunte", "Schwuchtel", "Homo": solche Schimpfwörter kursieren bis heute in der Bundeswehr. Viele Soldaten und auch Offiziere setzen Homosexualität offenkundig – ganz ähnlich wie im Fußball – noch immer mit Schwäche gleich. Vor allem in kämpfenden Einheiten gelten Schwule als unmännlich und unsoldatisch.

Lange Tradition der Diskriminierung

Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpft der Arbeitskreis homosexueller Angehöriger der Bundeswehr (AHsAB) gegen solche Diskriminierung an. Die Interessenvertretung schwuler, lesbischer, bisexueller und transsexueller Soldaten arbeitet mit dem Wehrbeauftragten zusammen, berät Soldaten, die sich outen wollen, und hilft in Härtefällen.

Allein die Existenz des AHsAB zeigt, dass sich in der Armee einiges gewandelt hat: Homosexuelle müssen sich heute nicht mehr wie früher verstecken. Das sah in den ersten Jahrzehnten der Bundeswehr noch ganz anders aus.

"Homosexuelle Neigungen schließen die Eignung eines Soldaten zum Vorgesetzten aus", stellte noch im Oktober 1979 der erste Wehrdienstsenat beim Bundesverwaltungsgericht fest. Ein Jahr später verlautete vom Verteidigungsministerium, dass schwule Soldaten die Kampfkraft der Truppe gefährdeten. 

Homosexualität bei Wehrpflichtigen war bis 1979 ein Ausmusterungsgrund. Seitdem ist die Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe zwar nicht mehr verboten, sie bleibt aber ein Karrierehemmnis. 2000 klagte ein Offizier vor dem Bundesverfassungsgericht gegen seine Benachteiligung. Die höchsten deutschen Richter gaben ihm Recht: Die Armeespitze musste die Diskriminierung von Homosexuellen offiziell beenden und erließ neue Regeln. "Dazu zählt der Erlass zum Umgang mit Sexualität, der die homosexuellen Soldaten davon befreite, ihre sexuelle Orientierung zu verheimlichen und die Bundeswehr davon, Beziehungen zwischen Soldaten und Soldatinnen dienstrechtlich zu verfolgen", schreibt Maja Apelt, Professorin für Organisations- und Verwaltungssoziologie an der Universität Potsdam, in einem Aufsatz.

Noch kein General hat sich geoutet

"Homosexualität war über Jahrhunderte das große Tabu nahezu aller Streitkräfte", stellte die Zeitung Bundeswehr aktuell im Januar fest. Homosexuelle Vorgesetzte stufte der Militärische Abschirmdienst (MAD) als erpressbar und damit als Sicherheitsrisiko ein.

Bestes Beispiel dafür ist bis heute der Fall Günter Kießling. Der Vier-Sterne-General wurde 1983 wegen der bloßen Vermutung, er sei homosexuell, in den unfreiwilligen Ruhestand versetzt. Doch die Gerüchte stellten sich schnell als unhaltbar heraus. Kießling wurde rehabilitiert – und einige Monate später mit militärischen Ehren erneut in den Ruhestand verabschiedet. Sein Ruf war ruiniert. Verteidigungsminister Martin Wörner (CDU) jedoch, der einer der höchsten deutschen Soldaten aufgrund des Homo-Verdachts aus der Truppe entfernt hatte, blieb im Amt und wurde später sogar Generalsekretär der Nato.

Heute sollen militärische Gleichstellungsbeauftragte in der Bundeswehr dafür sorgen, dass sich ähnliches nicht wiederholt und Homophobie in den Streitkräften der Vergangenheit angehört. Dennoch traut sich bis heute kaum ein Soldat, sich offen zu seiner Homosexualität zu bekennen, schon gar nicht in höheren Rängen. Zu groß schätzen sie offenbar weiterhin das Risiko für ihre Karriere ein.

Einen "Fall Hitzelsperger" habe es in der Bundeswehr noch nie gegeben, stellte die FAZ jüngst fest: "Von den rund 200 aktiven Generälen und Admiralen der Bundeswehr hat sich bis heute keiner öffentlich geoutet." Dabei wäre es höchste Zeit, dass einer von ihnen Hitzlsperger folgt. Er könnte damit Vorbild sein und ein Zeichen setzen – gegen die weiterhin bestehende Diskriminierung in der Truppe.