Che Guevara geht immer. Vom ewigen "Comandante" singt der weißhaarige chilenische Liedermacher mit der Gitarre da auf der Bühne, und die Leute davor klatschen mit, manche singen aus voller Kehle. Danach dann "Venceremos!", die Hymne der chilenischen Demokraten aus den frühen siebziger Jahren. Da stehen dann alle, ganz ergriffen, im großen Saal der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.

Schöne Lieder sind es, aber auch alte Lieder. Und das hier ist kein Veteranentreffen gescheiterter Siebziger-Jahre-Revolutionäre, sondern der Auftakt der Europäischen Linken (EL) zur Europawahl. Wie kann das sein, dass sie 2014 noch die politischen Slogans von vor dreißig Jahren singen? Was hat bitte Che Guevara mit der Europäischen Kommission zu tun, mit Bankenrettungsfonds, Staatsverschuldung, Datenschutzrichtlinien?

Aus Sicht der Linken einiges. Sie schlagen einen so idealistischen und grundsätzlichen Ton an, dass die alten Revolutionshymnen sich da wie selbstverständlich einpassen. Ihre Europapolitik ist so zeitlos wie ihre Lieder.

Sozial, solidarisch und friedlich soll es sein. Gegen Rüstungsexporte sind die Linken, gegen Sozialabbau und vor allem gegen die ewigen, übermächtigen Kapitalisten. "Für Europa ohne Bankenmacht" haben sie ihre Auftaktveranstaltung genannt. Dann der Nachsatz: "Friede den Hütten!" Das spannende an diesem Satz ist, das die andere Hälfte fehlt. "Krieg den Palästen!" geht das Zitat im Original von Georg Büchner eigentlich weiter, und man vervollständigt das im Kopf automatisch. Die Linke selbst ruft natürlich nicht zu diesem Krieg auf, aber jeder kann sich ja seinen Teil denken oder auch nicht.

Bloß nicht antieuropäisch wirken

Diese verdruckste Aggression passt zur Debatte, die die Partei in den vergangenen Tagen und Wochen mit sich selbst über die Europapolitik geführt hat. Es geht darum, wie böse man denn nun genau auf die Europäische Union ist. Der Entwurf des Parteivorstands für den Leitantrag zum Europaparteitag Ende Februar spricht von der EU als einer "neoliberalen, militaristischen und weithin undemokratischen Macht". Diese drei Adjektive stehen auch schon im bisherigen Parteiprogramm, da bezogen sie sich aber noch auf "Elemente" europäischer Politik und nicht auf das Gebilde als Ganzes.  

Sowohl Fraktionschef Gysi als auch die beiden Parteichefs Kipping und Riexinger finden den jetzigen Entwurf zu scharf, die Formulierungen seien vom Parteivorstand "reingestimmt" worden, erklärte Kipping. Was nebenbei die Frage aufwirft, wie es um das Verhältnis von Parteispitze und Vorstand bestellt ist, wenn letzterer ersteren in einer so zentralen Frage einfach mal an die Wand drückt.

Nun jedenfalls rechnen alle mit einer Entschärfung, weil man ja nicht den Eindruck erwecken will, antieuropäisch zu sein. Die linke Logik funktioniert nämlich so: Die europäische Idee ist toll, weil links und internationalistisch. Die Europäische Union aber ist böse, weil, siehe oben. 

Weltfrieden ja, Weltpolitik nein

Die Partei hat also insofern recht, dass sie nicht gegen Europa ist, sondern gegen die Politik der dort verantwortlichen Institutionen. Weil aber in den vergangenen Jahrzehnten fast alle Parteien in fast allen Ländern "europäische Idee" und "EU" im alltäglichen politischen Geschäft wie in den Sonntagsreden nahezu synonym verwendet haben, müssen sich die Linken nun mit Erklärungen abmühen, diese beiden Dinge wieder zu trennen. Und manchmal scheint sie dabei selbst durcheinander zu geraten. Sahra Wagenknecht zum Beispiel sprach sich schon dagegen aus, dass spanische Jugendliche deutsche Lehrstellen besetzen dürfen, weil man so dem Ausland Talente abwerbe. Was die Talente selbst wollen, war ihr offenbar nicht so wichtig.

Hinzu kommt, dass es auch bequem ist, zwischen idealer Sphäre (europäische Idee) einerseits und düsterer Realität (EU) zu trennen. Es ist ein bisschen so, als würde man sagen: Weltfrieden finden wir toll! Aber Weltpolitik? Sieht düster aus. Es lässt sich dann sehr bequem träumen, an diesem Abend in Berlin mit Brecht-Liedern und Revolutionsgedichten, und die Realität lässt sich dafür verdammen, dass sie so hässlich ist.

In Griechenland brächten sich Menschen wegen der Sparpolitik um, wettert Sahra Wagenknecht, "Da könnte ich nicht mehr in den Spiegel gucken", sagt sie an die Adresse von Kanzlerin Angela Merkel.

So ist der Tonfall des gesamten Nachmittags. Das transatlantische Freihandelsabkommen ist ein "mörderisches Projekt", die europäischen Regierungen schützen ihre Macht mit "Zerrbildern, Lügen und Repressionen".