Blagoy R. sucht Hilfe bei Angel Rusev (re.) in der Anlaufstelle für osteuropäische Migranten. Er will nach Sofia zurück, weil er in Hamburg auf der Straße gelandet ist.

In die Beratungsstelle Verikom kommen die, die es irgendwie geschafft haben. Viele seien seit einigen Jahren in Hamburg, aber sie lebten in "prekären, oft schrecklichen Verhältnissen", sagt die Sozialarbeiterin Christine Tursi. Die meisten sind verschuldet. Weil sie nur 500 oder 600 Euro im Monat verdienen oder weil ein Kind ins Krankenhaus musste und sie keine Krankenversicherung haben, nehmen sie Kredite bei unseriösen Verleihern auf. 

Tursi und ihre Kollegen füllen mit ihnen dann Anträge auf Kinder-, Eltern- und Wohngeld aus und bemühen sich um eine Krankenkasse, die sie aufnimmt. "Das bürokratische Gezerre dauert immer lange", sagt die Sozialarbeiterin. 

Kein zusätzlicher Ansturm

Anspruch auf Sozialhilfe haben nur die wenigsten der Wilhelmsburger Bulgaren und Rumänen. Hartz IV bekommen sie nicht, wenn sie nicht mindestens sechs Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Wohngeld nur dann, wenn sie einen Mietvertrag vorweisen können, und Kindergeld ebenfalls nur, wenn sie offiziell gemeldet sind. Die, die bisher als Selbstständige gearbeitet haben, können zwar Hilfe als Aufstocker beantragen, aber nur, wenn sie in der Lage sind, ihr Einkommen lückenlos nachzuweisen. Die wenigsten schaffen das.

Tursi glaubt deshalb nicht, dass wegen der neuen Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt viele weitere Rumänen und Bulgaren kommen werden. "Die, die kommen wollten, sind schon da. Die anderen wissen, wie schwer es ist, hier zu überleben."

Nur eine Minderheit

Die Lage der Arbeitssuchenden in Wilhelmsburg ist prekär, allerdings ist sie nicht repräsentativ für alle Bulgaren und Rumänen in Deutschland. Die meisten sind gut integriert. Knapp 1.000 haben in Hamburg einen regulären Job, weniger als 500 bekommen als Aufstocker Hilfe vom Staat. Bundesweit liegt der Anteil der Arbeitslosen unter den etwa 400.000 Bürgern aus den beiden EU-Staaten sogar unter dem der Deutschen; zehn Prozent erhalten Hartz IV – weit weniger als bei den übrigen Ausländern.    

Rüdiger Winter von der Organisation Arbeit und Leben, die von den Gewerkschaften unterstützt wird, rechnet ebenfalls nicht mit einem großen Ansturm auf die Sozialämter. Er sieht ein anderes zentrales Problem, das sich auch auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirke: Aufgrund des starken Einkommensgefälles seien viele Bulgaren und Rumänen bereit, hier zu Dumpinglöhnen zu arbeiten. "Das ist immer noch mehr, als sie vorher verdient haben, wenn sie überhaupt Arbeit hatten." Die deutsche Wirtschaft profitiert davon. 

Teil des Systems

Kontrollen gibt es kaum. Der zuständige Zoll prüft zwar gelegentlich, doch wenn die Beamten etwa auf Baustellen auftauchen, fällt es ihnen schwer, festzustellen, wer dort zu welchen Bedingungen arbeitet. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Kontrollen seien nirgendwo sonderlich erwünscht. "Die Billigmigranten sind nicht nur auf dem Bau Teil des Systems", sagt ein Ermittler. "Schauen sie mal auf die Elbphilharmonie, da finden sie viele von denen."

In Hamburg gibt es viele Formen von Ausbeutung: In Hotels, wo rumänische und bulgarische Frauen für wenige Euros Zimmer reinigen, in der Gastronomie oder im Hafen. Viele würden werden um ihren Lohn betrogen. Die wenigsten wehren sich, weil dann auffliegen würde, dass sie illegal oder scheinlegal gearbeitet haben.

In der Anlaufstelle für osteuropäische Migranten am Rande der Innenstadt landen die, die jede Hoffnung verloren haben. 30 bis 40 sind es jeden Tag, sie leben auf der Straße, finden keine Arbeit und haben nichts zu essen. "Sie sind mit falschen Erwartungen gekommen und stellen nun fest, dass sie in Deutschland keine Chance haben", sagt Angel Rusev, ein bulgarischer Student, der als Dolmetscher hilft. In vielen Fällen rät Rusev, in die Heimat zurückzukehren. Er und die anderen Berater organisieren die Rückfahrt, besorgen Tickets, die das Sozialamt bezahlt, und manchmal ein Taschengeld, und sorgen dafür, dass die Betroffenen bis dahin in einer Obdachlosenunterkunft unterkommen. 

Manche wollen dennoch bleiben, weil die Situation in ihrer Heimat noch schlimmer ist. "Denen können wir dann auch nicht mehr helfen", sagt Andreas Skasiewicz, der Leiter der Anlaufstelle, der sich seit 20 Jahren auch um polnische Einwanderer kümmert. Von denen leben manche seit zehn Jahren, seit dem EU-Beitritt ihres Landes, auf der Straße. "Das wollen wir bei den Rumänen und Bulgaren vermeiden."