Ein journalistisches Leben lang habe ich vermieden, das große Ich, ja selbst das kleine ich in meine Artikel einfließen zu lassen. Aber der Tod Ariel Scharons berührt mich zutiefst, und er berührt mich auf sehr persönliche Weise. Da ist das ich am Platze. Ich habe Arik, wie ihn alle nannten, zweimal aus nächster Nähe erlebt. Beide Male war ich zugleich beeindruckt und bestürzt, befremdet und entsetzt.    

Das erste Mal bin ich ihm im März 1971 begegnet. Ich hatte im Goethe-Institut zu Tel Aviv einen Vortrag zu halten. Für danach hatte ich mir verschiedene Gesprächstermine gemacht, einen davon mit dem Befehlshaber des israelischen Südkommandos in Beersheva: General Scharon. Nach einem langen Fachgespräch mit mir lud er mich zu einem Festabend ein, den seine Truppe für ihn gab. Gesangs- und Tanzdarbietungen standen auf dem Programm, Kabaretteinlagen und fröhliche Sketche. Scharon, der Held von 1956 und 1967, wurde auf Schritt und Tritt bewundert, umjubelt, angehimmelt – nie vorher und nie nachher habe ich dergleichen Anbetung, ja Verzückung erlebt. Zum Schluss tanzte der bullige General wie wild mit seinen Soldatinnen.

Am nächsten Tag schickte er mich mit drei Jeeps, der vordere und der hintere mit Maschinengewehren im Anschlag, von Beersheva in das noch hermetisch abgeriegelte Gaza – mit der Erlaubnis, mich dort, schwer bewacht, näher umzusehen und umzuhören. Abends lud er zu sich nach Hause ein. Seine Frau Lilith schenkte Tee ein und reichte Süßgebäck, während er erzählte.


Von seiner greisen Mutter erzählte er, die auf der abgelegenen heimischen Farm im Süden, wo er Pferde züchtete und tausend Schafe hielt, mit dem Gewehr unterm Bett zu schlafen pflegte. Kühl und sachlich erwähnte er die von ihm geführte Sondereinheit 101, die jedes Mal, wenn palästinensische Kämpfer einen tödlichen Anschlag in Israel verübten, des nachts im schwarzen Drillich über die Stacheldrahtgrenze ging und dort bittere Vergeltung übte: Mindestens die doppelte Anzahl Palästinenser wurde umgebracht – wobei Scharon erbarmungslos ganze Häuser in die Luft sprengen ließ, ohne lange zu fragen, ob Leute drin waren, Schuldige oder Unschuldige. Und nicht ohne Stolz erinnerte er sich seines – ungenehmigten – Vorstoßes zum Mitla-Pass während des Suezkrieges, womit er Israel damals die Herrschaft über den Sinai verschaffte.

Als ich Arik Scharon 1981 zum zweiten Mal begegnete, war er Landwirtschaftsminister und Chef des Siedlungswesens. Im Jeep fuhr er mich höchstpersönlich einen Tag lang durch die Westbank, Samaria und Judäa, wie er sagte. Er wollte mir das von ihm ersonnene Siedlungsbauprogramm zeigen. Mit einigen der ersten Siedler brachte er mich ins Gespräch. Danach zeigte er mir eine Reihe von Orten, wo er weitere Siedlungen zu erbauen gedachte. "Aus biblischen oder aus strategischen Gründen?", fragte ich ihn.

"Hören Sie, mein Freund", antwortete er: "Sie sprechen mit einem General. Ich habe jeden einzelnen Hügel erklommen, ehe wir den ersten Spatenstich taten. Im Ernstfall müssen die Siedler die Grenze halten. Dies ist ein enorm wichtiger Beitrag zu unserer Existenzsicherung." Es kümmerte ihn wenig, dass damals schon vorauszusehen war, wie an dem Jahr um Jahr erweiterten Siedlungsbau sämtliche Friedensgespräche scheitern mussten.

Hätte er ein zweiter de Gaulle werden können? Der entließ Algerien in die Freiheit, als es nicht mehr zu halten war. Scharon hat in Gaza, das er gegen heftige Widerstände im eigenen Land von den jüdischen Siedlern räumen ließ, einen Anfang gemacht. Doch können wir nur darüber spekulieren, aus welchen Gründen er dies tat. Wahrscheinlich, um auf der Westbank umso härter zu bleiben. Dass er einen ähnlichen Rückzug aus dem Westjordanland hätte durchsetzen wollen, um den Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung frei zu machen – ich kann es mir nur schwer vorstellen. Seine Unbedingtheit hätte ihm wohl im Wege gestanden.

Ich habe Respekt vor beidem: vor Scharons langem Leben und vor seinem langen Sterben. Doch bin ich froh und dankbar, dass ich nicht so leben musste wie er – und ich möchte nicht so sterben wie er. Gleichwohl: Wenn ich das nächste Mal nach Israel komme, werde ich einen Stein auf sein Grab legen.